Mai 10 2007
Neulich im Schmetterlingspark
Im Gewächshaus herrscht tropische Schwüle. Ein Feuchtigkeitsfilm bildet sich auf Stirn und Oberkörper. Dazu der ausflugsselige Massenandrang an einem verregneten Sonntag. Körperausdünstungen erhöhen die ohnehin spürbare Luftfeuchtigkeit und reichern sie mit Gerüchen an. Dazu diverse Parfümwolken. Hunderte Schmetterlinge in leuchtenden Farben und mit unnachahmlichen Mustern auf ihren Flügeln flattern durch den Raum. Fliegende Farbfabriken, darunter handtellergroße Exemplare, die sich auf Blättern und Blüten niederlassen und die Sammetflügel langsam auf- und zuklappen, völlig ungerührt vom Andrang der schwitzenden Zweifüßler mit ihren Foto- und Videoapparaten. Sie wissen nichts von unserem Staunen, unserem Entzücken über ihre scheinbar zweckfreie Schönheit, die wir ihnen, die nur eine kurze Lebenszeitspanne zur Verfügung haben, anhand überlieferter Kategorien – Symmetrie und Farbenpracht – zuschreiben. Sie sind unserem Wohlgefallen in diesem Glasgefängnis dienstbar gemacht, werden als eine Attraktion ausgestellt, um uns zu unterhalten. Dabei bleiben sie uns, trotz unseres überbordenden bio- und zoologischen Klassifikationswissens, ewig fremd. Nicht einmal sehen wir uns mit ihren Augen, noch wissen wir, ob, wie und als was sie uns wahrnehmen. Ihre ist nicht unsere Welt. Und doch ist unsere Empathie in solchen Momenten grenzenlos und wir werden ganz weich vor lauter aufmerkender Vorsicht und verspielter Freude. Im Cafe nebenan, bei Eis und Kuchen, jagen wir dann die Stubenfliegen und verfluchen die Wespen, setzen fast trotzig unsere Überlegenheit wieder ins Recht, die zuvor verschwindend gering und in Dankbarkeit oder gar Demut verwandelt zu sein schien.
“Neulich im Schmetterlingspark”, das klingt fast wie einer der guten alten Don Martin-Titel.
Und zunächst ists ja auch erschreckend beschaulich – gut, dass dann noch die Fliegen und Wespen kommen!
So viel Empathie ist auch nicht normal.
Vor kurzem war ich im Botanischen Garten in Marburg, wo ich ungebetene Gelegenheit hatte, drei (geschätzt) 13jährige zu beobachten, die die dortigen Libellen, Schildkröten und Fische mit Steinen bewarfen.
Mich ärgerte das.
Ich sah eine Weile zu, in der Hoffnung, dass sie aufhören würden. Dem war nicht so.
Ich sprach sie an. Sie waren frech. Ich insistierte. Sie machten weiter. Einer holte sich wortlos neue Steine. Ich fragte nach den Namen: Hatten sie “vergessen”. Erst als ich den Fotoapparat zückte, um sie dingfest zu machen, rannten sie fort.
Vermutlich um woanders in Ruhe weiterzumachen.
Einsicht: Offenbar Null.
Die Empathie ist auf sympathische Art gespeist von der Erfahrung, wie die eigenen Wahrnehmungen nicht ausreichen, um die Faszination am Naturschönen zu begreifen. Wespen und Stubenfliegen wecken andere Assoziationen. Erstaunlich, wie erst der Medieneinsatz mit der Kamera die drei Täter aus dem Botanischen Garten vertreibt. Es erinnert an die Angst, dass mit dem Bild auch gleich die Seele gebannt wird.
Pardon,
aber ich schätze, dass das in Bezug auf die drei … zu feinsinnig gedacht ist – ich hatte den Eindruck, dass sie eher die erkennungsdienstliche Behandlung verscheucht hat. – Und in der Tat hatte ich vor, das Bild dem Menschen im Kassenhäuschen zu zeigen, damit er ihnen gegebenenfalls Lokalverbot erteilen kann.
Könntest Du den Konnex von Empathie, Sympathie, Erfahrung und Wahrnehmung noch in zwei, drei Sätzen erläutern?! – Würde mich interessieren, aber so wird es mir nicht ganz klar.
Mit wenigen Strichen: Die Empathie, die Uwe beim Anblick der Schmetterlinge zeigt, ist mir sympathisch. Die Wahrnehmung mit Hilfe von technischen Apparaturen wie Foto- und Videoapparaten sowie die Kategorien – Symmetrie und Farbenpacht -, die er beschreibt, erweisen sich als unzureichend. Diese Erfahrung weckt seine Empathie.
Bei den Steinewerfern weckt die Differenzerfahrung Machtphantasien. Was ich bemerkenswert fand war, dass deine erkennungsdienstliche Behandlung mit der Kamera stärker wirkt als deine direkte Ansprache. Glauben Sie im Ernst, dass die Bilder zu ihrer Verfolgung eingesetzt werden? Wie sollte das gehen – Fahndungsplakate am Eingang zum Garten, weil sie Steine auf Fische geworfen haben? Da scheint mir eher das bloße Bannen ihrer Untaten den Fluchttrieb auszulösen.
lieber w-d!
treffend bemerkt und klar formuliert.
mir ging es um die fallhöhe in einer konkreten erfahrung, ohne daß ich groß moralisieren wollte:
in einem moment bestaunen wir das naturschöne und tun alles, um es – uns zum gefallen – bewahrt zu wissen, und im nächsten moment grenzen wir teile aus eben jenem naturschönen – denn dazu gehören fliegen und wespen ebenso wie schmetterlinge – wieder aus und geben es frei zur vernichtung. dieses wankelmütige in der erfahrung war mir beschreibens- und bedenkenswert:
zunächst treibt uns eine erfahrung dahin, unsere selbstherrlichkeit minutenweise abzulegen, die unzulänglichkeit unserer wahrnehmungsorgane anzuerkennen, und wenig später können wir wieder nicht anders als eben diese eben noch als trügerisch erlebte überlegenheit in ihr angestammtes recht zu setzen. dieses doppelbödige, in dem sich letztlich verschiedene macht- und differenzerfahrungen ausdrücken, und die unzulänglichkeit unserer werte und kategorien angesichts eines besonderen naturphänomens waren mir wichtig. insofern kann ich deinen ausführungen nur zustimmen.
lieber helmut!
du schreibst, die szenerie wäre zu beginn erschreckend beschaulich. was genau meinst du damit und was daran ist nicht normal? der wurm im paradiesapfel wird doch in gestalt der wespen nachgereicht.
mir ging es bei der schilderung um das weichwerden von grenzen, die wir zwischen uns und unserer tierischen umwelt ziehen, grenzen, die uns unsere hybris zu ziehen nötigt, damit das von uns eingerichtete herrschaftsverhältnis zur natur aufrecht erhalten bleibt. für kurze momente gerät dies in vergessenheit. und was tritt ansatzweise an seine stelle: dankbarkeit, fast demut. doch am ende fallen wir wieder in das altbekannte dominanzgebaren, erinnern uns vielleicht gar nicht mehr an das, was uns zuvor im glashaus an empfindungen erreichte.
dein erlebnis im botanischen garten sehe ich ganz in der linie des von w-d beschriebenen machtverhaltens. jugendliche dummheit und gedankenlose unbedarftheit, ausgelebt in einem gruppenverhalten, in dem sich die einzelnen in sachen “coolness” zu übertreffen versuchen. warum sie das fotografieren scheuten? eben weil sie dann gezwungen wären, sich in ihrem verhalten wiederzuerkennen: was zuvor eher als spielerischer habitus sozusagen erprobt wurde, gerät im foto zu einer handlung, deren konsequenzen man zu tragen hat.
gut, daß du eingegriffen hast.
zur einsicht hast du sie nicht gebracht.
aber vielleicht ist doch, für dich unsichtbar, ein quentchen scham bei einem der beiteilgten aufgekommen. zu wünschen wäre es.
grüße,
uwe.
Lieber Uwe,
Fliegen und Wespen gehören meiner Wahrnehmung nach nicht ebenso wie Schmetterlinge zum Naturschönen, zumindest nicht durchgehend. Das ist kein Grund, sie deswegen zu erschlagen, aber ihr Anblick ruft ggf. andere Bilder auf als der der Falter. (Ich schreibe nicht, um Einigkeit zwischen uns herzustellen, sondern weil mich die Unterschiede in der Erfahrung und Wahrnehmung interessieren.)
lieber w-d,
auch ich bin an den unterschieden interessiert, die sich in der schmetterlingspark-erfahrung ausmachen lassen können. vielleicht sind es aber nicht nur die verschiedenen bilder und assos, die wespen bzw. schmetterlinge in uns auslösen und die uns unterschiedliches verhalten abverlangen, sondern auch die orte, an denen wir ihnen begegnen. hier im diesen falle: die schmetterlinge in einem abgeschiedenen, geschützten ort, der auf unterhaltung, ästhetisches wohlgefallen abzielt; im cafe befriedigen wir dagegen andere bedürfnisse, bei deren stillung störendes eliminiert wird. aber gerade darauf kam es mir an: eben noch nah dran und ganz klein vor anteilnahme, und wenig später wieder im vollbesitz einer hybris, mit der wir widerspenstiges ausgrenzen. einem schaukasten mit wespen oder fliegen gegenüber könnten wir doch dieselbe empathie empfinden, und auch erfahren, wie unverfügbar letztlich das naturphänomen, bei aller versenkung, bleibt – oder?
grüße, uwe.
Ich glaube auch, dass die Orte die Art des Erlebens mitbestimmen. Die Wespen und Fliegen im Schaukasten – als Naturphänomen unverfügbar, ok. Aber die ästhetischer Erfahrung ist eine andere als bei den Schmetterlingen. Vielleicht liegt es an den Assoziationen, die sie wecken, oder an den unterschiedlichen Kontexten, in denen man ihnen sonst begegnet. Wespen sind Aasfresser, Fliegen trifft man auch an Orten, die wenig für ästhetische Erfahrungen prädestiniert sind. Wenn sich die Kontexte ändern, kann das neue Erfahrungen provozieren. Trotzdem spricht mich der Flügelschlag des Schmetterlings anders an als das Brummen einer Fliege.
interessante wendung meiner geschichte.
daran kann man die frage anschließen, warum das so ist? warum spricht der schmetterling uns anders an als die fliege? welche kulturellen vorentscheidungen oder erfahrungen prägen unsere begegnung mit naturphänomenen? sehen wir auch dort nur, was wir wissen oder zu wissen meinen oder als wissen vermittelt bekamen?
im glashaus hatte ich ja minutenweise die ahnung, daß ein unverfügbarer rest immer übrig bleibt in unserer naturerfahrung, daß ein grundsätzlicher hiatus bestehen bleibt zwischen mir und dem naturphänomen, sei es nun pflanzlich, landschaftlich oder tierisch, und daß gerade die erfahrung dieses unterschieds die grenzen unserer überlegenheit als art aufzuweichen imstande ist – für einige wenige momente. eine empathie, die an der unverfügbarkeit ihres gegenübers nicht scheitert, sondern wächst – bis zu einem bestimmten punkt, an dem alles wieder in ein altbekanntes herrschaftsverhältnis umkippt.
grüße, uwe.
Ich glaube, dass der unverfügbare Rest auch bei anderen Phänomenen übrig bleibt. Oder ins Sprachliche gewendet, Begriff und Sache sind nicht identisch, ohne dass das, was an der Sache mehr ist, positiv zu bestimmen wäre. Das Faszinierende ist, wie die Erfahrung des Naturschönen uns zustimmen lässt, sie fast von jedermann geteilt wird. Vielleicht werden die “grenzen unserer überlegenheit” nicht aufgeweicht, sondern bewusst und eben dadurch durchlässig für andere Erfahrungen.