Mai 14 2007
Kitsch und Faschismus
Vorhin war ich auf einem Provinz-Flohmarkt. Brüllende Hirsche zu Hauf und wenigstens sechs Mal das gleiche Bild eines Fr. Laubnitz. Wohl um 1900, purer Kitsch: Verklärte Mutter mit Kindern und Engelchen. – Aber offenbar – nicht allein dieses Bild und von diesem Künstler – seinerzeit in großen oder sehr großen Auflagen vertreten und weit verbreitet. Diese Sachen müssen in vielen Wohn- und Schlafzimmern gehangen haben.
Und man fragt sich unwillkürlich:
In welchem Geisteszustand müssen sich Leute, die sich so etwas als Zierde in die Wohnung hängten, gewesen sein? Und fragt sich weiter ob dieser Kitsch nicht auf vielleicht fatale Weise mit dem Faschismus zusammenhängt, ihn evtl. – in Köpfen und Gemütern – vorbereiten half. Kann das sein? Oder ist die Idee abwegig? Gibt es womöglich Handfestes darüber?
hallo!
sicher:
bilderkitsch oder kitschbilder setzen sich im hirn und gemüt fest, doch inwieweit sie sich auswirken auf ein politisches geschehen hängt vom ideologischen kontext ab, in dem sie auftreten und kommentiert werden. im konkreten fall deines beispiels müßte man also danach fragen, wofür solche mutter-kind-imagines stehen, wogegen sie sich richten, was sich in ihnen an gesellschaftlichem diskurs spiegelt, wieviel zeitgeist in ihnen steckt und vor allem: welchem bedürfnis antworten sie, wenn sie, wie du mutmaßt, weit verbreitet waren?
per se glaube ich nicht, daß solcher heile-welt-bilderkitsch den faschismus vorbereiten half. entscheidend bleibt, wie und ob er von den nazi-verantwortlichen instrumentalisiert wurde. um dies zu beurteilen, bräuchten wir die historischen fakten. nur mit ihnen liese sich klären, ob mit solchen bildern ein politischer gehalt transportiert wurde, der sich selbst als wahr und absolut setzte und alles gegenläufige oder widerständige ausgrenzte (worin ich ein genuin faschistoides vorgehen erkennen würde).
meine eigene erfahrung: in der wohnung meiner großeltern hing vergleichbares, oftmals noch ins religiöse sujet überwechselnd. auf nachfrage versicherten mir meine großeltern, daß solche bilder ihnen eine auszeit bereiten vom alltag, ihnen fluchtmöglichkeiten bieten oder die momentweise anschauung eines friede-freude-eierkuchen-lebens. der abstand zu ihrem eigenen alltag war ihnen dabei bewußt. ob sie den gehalt trotzdem beherzigten, konnten sie mir gar nicht so recht beantworten. die bilder waren für sie wohl eine zierde der wand und der zimmer, inwieweit sie ansonsten noch wirksam wurden, blieb ihnen selbst unbekannt. noch heute hängen ähnliche bilder bei meinen eltern oder deren verwandten. spiegelt sich darin jetzt eine weltanschauliche haltung oder nur ein geschmacksurteil? wer wollte das entscheiden?
grüße,
uwe.
Das ist doch das Interessant:
Bei meinen Großeltern gab es zumindest auch ein solch ein Bild.
Das meine ich ja:
Welcher Gemüts- oder sonstigen Verfasstheit entsprechen diese Bilder?
-Und da sind mir Deine Formulierungen schon zu instrumentell. – Ich glaube auch nicht, dass Manipulation so simpel und so gut funktioniert. – Mich hätte mehr interessiert, was korrespondierte da – evtl. unter der Oberfläche. Welche Bedürfnisse gab es?
Du meinst: Flucht. Mag sein. Dann steht diese Kunst für Realitätsverweigerung oder -ausblendung. Das Gegenbild des Tatsächlichen soll Trost geben, eine Art seelischer Pin-Up. Das hat etwas Reggressives – und würde ganz gut mit der Vorbereitung von Faschistischem zusammengehen. Im Grunde hat das, ich denke das könnte man sagen, mit der Jugendstilbewegung zu tun. Die Welt wurde damals schon unfreundlicher, rauher, man schaute noch einmal zum Heilen (oder heil gewollten), zur Natur und ihren Geschöpfen.
Wenn diese Bilder reggressive Fluchtphantasien sind, hieß das, dass man die Wirklichkeit ziemlich unerträglich fand, sich aber in ihr nicht mit ihr auseinandersetzen wollte (oder konnte) und sich Oasen schaffte, heute würde man vielleicht von Prallelewelten reden, die kurzzeitiges Ausruhen im Falschen erlaubten – um in der falschen Wirklichkeit wieder funktionabel zu sein.
Dann können gesellschaflticher Diskurs und Zeitgeist gar nicht darin stecken – allenfalls
in Ngeativ-Formen, in ihrer Abwesenheit. Was natürlich auch kenntlich macht.
So würde ich doch denken, dass Kitsch und Faschismus sich gut ergänzen und beinahe Hand in Hand arbeiten. Der Kitschler, wenn man mal so sagen darf, ist kein aktiver Bürger – vielleicht gar keiner. Er ist passiv und pflegt das, was er vielleicht Gemüt nennt im Verborgenen. Er steht nicht zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen, vielleicht sind sie ihm ziemlich unbewusst. – Das ist leicht benutzbar. Und er ist praktisch für die Führenden, denn er muckt nicht auf und ist leicht lenkbar. – So lange er seine Auszeiten bekommt, macht er in der wirklichen Welt eine Menge mit – vermutlich viel zu viel – und wöhnt sich im Geiste woanders hin.
So hat Kitsch auch mit Feigheit zu tun. Oder gemäßigter: Mit mangelnder Aufrichtigkeit. Das wird nicht richtig hingesehen und nicht hingefühlt. Kitsch hätte dann mit Untertanengeist zu tun – und passt sehr gut zu einer strikt hierarchischen Gesellschaft, in der das Militär dominiert.
deiner argumentationskette kitsch – wirklichkeitsflucht – regression – untertanengeist kann ich zustimmen. so allgemein formuliert beschreibt es sicherlich eine möglichkeit des wirkungszusammenhanges von kitschproduktion und politischem system, woran ich zunächst nicht gedacht hatte.
bei dem hand-in-hand von kitsch und faschismus würde ich etwas vorsichtiger formulieren. aber monokausal hast du es sicherlich nicht gemeint. ein verhältnis zwischen kitschkonsum und der höheren anfälligkeit für totalitäre ideologien kann man annehmen, doch gibt es wahrscheinlich auch gegenbeispiele von kitschresistenten intellektuellen, die trotzdem faschistisches gedankengut verbreiteten. namen fallen mir momentan nicht ein, aber es dürfte sie geben. diese intellektuellen hatten andere formen der wirklichkeitsflucht, wie die literatur etwa, oder das schreiben bzw. die kunstproduktion im allgemeinen. stichwort “machtgeschützte innerlichkeit”. auch diese können zu einer art halbbetäubung werden, die dem kitschkonsum vergleichbar ist, und die wie dieser zu einer fortschreitenden entwirklichung des erlebens führt, zu dem, was du mit feigheit, unaufrichtigkeit und dem nicht-genauen-hinsehen meinst. vielleicht kann man sagen, daß formen der wirklichkeitsflucht und des rückzugs in eine weltferne innerlichkeit, ob nun durch kitsch oder anderes, eine charakterstruktur miterzeugen, auf die totalitäre machthaber zurückgreifen können.
interessant und begrüßenswert ist, wie du anläßlich eines eher harmlosen flohmarktbesuchs solche folgen- und gedankenschweren reflexionen anstellen konntest, was einmal mehr veranschaulicht, wie unsere alltagserfahrungen in historische oder gedankliche tiefenschichten zu reichen vermögen. nicht alle und nicht immer, aber einige ausgewählte.
grüße, uwe.
Lieber Uwe,
schon beim Schreiben ging mir die Parallele, auf die Du hinweist auch auf – und ich wäre etwas enttäuscht gewesen, wenn du sie nicht bemerkt und darauf hingewiesen hättest. – Hast Du aber.
Die Parallele zwischen Kitsch und Kunst, insofern sie beide evtl. Ähnlichkeiten aufweisen hinsichtlich ihrer Flucht- und Trosttendenzen.
Mein Eindruck: Ähnlicher als einem vielleicht lieb ist, erscheinen die beiden in dieser Hinsicht.
Dennoch: Man kann sie unterscheiden.
Klar auch, dass Kitsch nicht notwendig in Faschismus münden muss. Darum ging es mir auch nicht.
Gegen Ende Deines Kommentars kommst du auf eine bestimmte Charakterstruktur zu sprechen. Ich bin nicht ganz sicher was Du meinst, aber ich wäre mit diesem Wort vorsichtiger. Ich bin nicht sicher ob es hier das richtige ist.
Ich finde das Thema nicht uninteressant. – Wobei es sicher auch verschiedene Kitschformen zu unterscheiden gälte. Was die Nazis selbst produziert haben, ist teils auch Kitsch, dürfte aber einen anderen Charakter haben. Führer- und Totenkult-Kitsch haben mit den jugendstilausläufern vielleicht – ? – nicht allzu viel zu tun oder sind doch klar von diesen unterscheidbar.
Sachliche Grüße,
Helmut
hallo!
vielleicht noch ein kleiner literaturtip zum thema: sebastian haffner, geschichte eines deutschen, besonders kap.29, s.185-194. dort spricht er von den verschiedenen formen der abkapselung, die ihren anteil hatten an dem psycho-pathologischen prozeß, der sich um 1933 millionenfach in deutschland abgespielt hat. und eine form, mit der lage umzugehen, beschreibt er als eine art abkapselung: man will sich nicht seelisch korrumpieren lassen, also sieht man weg, stopft sich wachs in die ohren, ignoriert die außenwelt mit ihrem haß und leiden. “verhärtung aus weichheit” nennt er das, was letztlich zu realitätsverlust führt, für ihn eine form des wahnsinns, eine “seelische todesart”. abwendung – und rückzug auf das schmale fleckchen innerlichkeit: seelenfrieden. öffentlichen ausdruck fand diese form des ausweichens, wie er meint, in der idyllenliteratur der zeit zw. 1934-38, mit ihren themen kindheit, familie, landschaft, natur – eine literatur “von geradezu penetranter innerlichkeit und zeitlosigkeit” und der dementsprechenden wirkung auf millionenfache leser.
so viel haffner.
aus gegebenem anlaß und aufgrund einer vagen erinnerung daran, habe ich mir das buch noch mal vorgenommen.
grüße, uwe.
Lieber Uwe,
vielen Dank für den Hinweis!
Ich habe das Buch, obwohl es mir bereits bei seinem Erscheinen auffiel, noch nicht gelesen (man kann, weiß Gott, nicht alles aufnehmen!).
Es klingt aber interessant und die Beobachtung überzeugt mich.
(Ein ganz anderer Zusammenhang, aber das Thema Hart – Weich, das Haffner in seinem Buch anspricht, fiel mir bei Otto de Kats Roman, den ich gerade im Eckfenster besprochen habe, auch auf. – Und mir scheint das ist ein allgegenwärtiges Thema. Und ein Phänomen, das man häufig beobachten kann. Wie Härte und Weichheit zusammenhängen, sich gegenseitig bedingen, wie eins das andere auf den Plan ruft oder ins andere kippt)
Mal sehen, ob und wann ich dazu komme, den Haffner zu lesen.
Schöne Grüße,
Helmut