Mai 16 2007
Jetzt mal ehrlich
“Es gibt eine ganz ehrliche Ehrlichkeit und eine fast ehrliche Ehrlichkeit und eine halbehrliche Ehrlichkeit und eine fast unehrliche Ehrlichkeit, und dann erst beginnt die Lüge. Ich erzähl halt nicht immer die ganze Wahrheit. Aber lügen tu ich eigentlich nie.”
(aus Fassbinder über Fassbinder hrsg. von Robert Fischer)
In welchem Zusammehang steht dieses Bonmot?
Und darf man erfahren, bei welcher Gelegenheit es geäußert wurde?
Das Zitat stammt aus einem Fassbinderinterview, dass Andreas Müller 1973 geführt hat: “Eine andere Art Ehrlichkeit”. Müller fragt, ob Fassbinder keine Auswahl trifft, was er welchen Journalisten erzählt. Darauf Fassbinder: “Ich habe schon jedes Mal eine andere Art Ehrlichkeit. Das hat auch etwas mit Sympathie zu tun.” Und abschließend antwortet er wie oben zitiert. Ich habe den Eindruck, dass es auch als Motto für viele seiner Filme gelten kann.
Interessanter wird es, wenn man es aus diesem Kontext löst und Alltagsphänomene in diesem Licht betrachtet.
schönes zitat,
und hand aufs herz:
wer läßt nicht unterschiedliche versionen seiner selbst in der öffentlichkeit und im engeren kreis seiner freunde und bekannten kursieren? das macht doch u.a. die lust und last der menschlichen kommunikation aus, das wir nicht vollständig in dem enthalten sind, was wir von uns zu sagen wissen und auch nicht in dem, was andere davon verstehen und in ihre worte übersetzen. nur sollte man dabei die redaktionelle übersicht behalten, sonst ist es um den unterschied zwischen wahrheit und lüge schneller geschehen als man ehrlicherweise zu vermuten imstande ist.
was genau meinst du damit, alltagsphänomene im licht dieses zitates zu betrachten? hast du eventuell schon ein paar beispiele? wäre interessant, davon zu lesen.
grüße, uwe.
Nun, den Umgang mit Journalisten würde ich als einen Sonderfall der Kommunikation betrachten.
Da ist es nicht nur angebracht sondern sicher (lebens)notwendig, innere Kontrollinstanzen zu haben.
Andererseits hat Uwe natürlich auch recht, wenn er darauf hinweist, dass Ehrlichkeit auch im Alltag eine relative ist. – Man muss ja gar nichts Falsches sagen, allein dass man das eine vielleicht erzählt und das andere nicht…
Dann wäre es nur eine präzisere Formulierung des ganz normalen Tuns.
Aber mal ehrlich: Mit “das” und “dass” habt Ihrs beide nicht so, gell?!
Ehrliche Grüße,
Helmut
Ich glaube auch, dass der Umgang mit Journalisten eigene Verhaltensregeln erfordert. Faszinierend an dem Fassbinder-Zitat ist seine Zuneigung zu diesem “ganz normalen Tun”. Dieses Tun lässt sich nicht im symmetrischen Verhältnis von Ehrlichkeit hier und Lüge dort begreifen, es ist kein mathematisches Verhältnis von + und – mit einer klaren Grenze dazwischen. Und doch gibt es diese Grenze, sonst ließe sich nicht das eine vom anderen unterscheiden.
Die Ehrlichkeit – und Fassbinder spricht nicht von Wahrheit – steht der Lüge gegenüber. Sie kennt unterschiedliche Formen, weil das Tun, auf das sie sich bezieht, komplex, bisweilen widersprüchlich in sich sein mag.
Die Geste, mit der er dies vorträgt, ist nicht auftrumpfend oder selbstgefällig. Das Moment der Macht, das in diesem Verständnis von Ehrlichkeit und Lüge mitschwingt, wird nicht ausgespielt: Der Machtaspekt tritt hervor, wenn man auswählt, was man erzählt.
“Aber lügen tu ich eigentlich nie. – Eigentlich – Zum Schluss wird die nächste Runde eröffnet: Bezieht das “eigentlich” sich auf das eingeführte Verhältnis von Ehrlichkeit und Lüge oder gibt es – eigentlich – etwas jenseits davon? Und wie verhält es sich mit der Grenze, die die Ehrlichkeit von der Lüge trennt?
interessante frage, die du da stellst. ich übersetze sie mal in mein verständnis:
bin ich mal mehr und mal weniger ehrlich aus rein strategischen gründen oder kann ich gar nicht anders als mehr oder weniger ehrlich zu sein, weil es eine vollständige ehrlichkeit nicht gibt, weder mir noch den anderen gegenüber? denn du hast völlig recht:
das wörtchen “eigentlich” macht das faß erst so richtig auf. mit diesem kommt so was wie “was uns im innersten zusammenhält” oder so etwas wie “wesen” ins spiel. mit dem wort “eigentlich” wird doch suggeriert, daß etwas wesensmäßig zu uns gehörendes letztlich jenseits unserer sprachlichen verfügungsmacht zu liegen scheint. nur:
wie wollen wir dann von diesem inneren fundus wissen? können wir ehrlicherweise nur annäherungen, varianten von dem liefern, was uns wesensmäßig ausmacht? und wie können wir dann wissen, bei diesem variantenreichtum, wann wir definitiv lügen? wieviel übereinstimmung ist möglich, mit uns und dem was wir über uns aussagen? schon die simple frage: wie geht’s dir eigentlich? unterstellt doch, daß es mindestens zwei leben gibt, das eigentliche und das uneigentliche. wohin führt uns diese facon de parler oder ist es mehr als das?
Hallo Uwe,
ich hatte Dir eine Mail wegen den Bildern geschickt, ist die angekommen? (Manchmal landen Mails an mich im Spamordner.)
Ich glaube auch, dass es etwas jenseits der “Verfügungsmacht” gibt. Ich glaube, nicht, dass uns dieses Etwas wesentlich ausmacht. Eher ist damit eine Grenze markiert, vielleicht auch eine Schwelle.
Die Varianten von uns, die wir in den Erzählungen über uns herstellen, sind Sprachbilder. Diese sind – als Ausdruck desjenigen, der erzählt – nicht auf eine abstrakte Idee von Wahrheit bezogen. Nach dieser subjektiven Seite hin sind sie ehrlich, wenn sie – fast möchte man sagen: authentisch sind. Damit kommt die konkrete Situation ins Spiel, in der gesprochen oder geschrieben wird. Dann gibt es ein Gegenüber, jemand, mit dem ich spreche. Das, was mit Lüge gemeint ist, wäre erst an dieser Stelle zu konstruieren: als Täuschung.
In der Täuschung stecken verschiedene Dinge wie der Tausch im Sinne von Tauschhandel aber – in Anlehnung ans Tierreich – auch der Schutz durch Nachahmung. – Was wird hier nachgeahmt?
Jounalisten gegenüber mag das eine kluge Haltung sein und Fassbinder hat eine kluge Antwort gegeben. Dennoch führt an Ehrlichkeit doch nichts vorbei, wenn man ein authentisches Leben führen will. (Hat Fassbinder so sicher nicht hinterfragt)
Herzliche Grüße
Hallo Martin,
Fassbinder ist klug mit seiner Einsicht umgegangen, ein nettes Gegenbeispiel lieferte Jan Ullrich auf seiner – bislang – letzten Pressekonferenz. Wobei da die Frage nach einer “fast unehrliche(n) Ehrlichkeit” und der Lüge täglich neue Facetten gewinnt.
hallo!
noch einmal:
wer redet schon immer klarext?
brauchen wir nicht diese täuschungs- und ausweichmanöver, strategisch und auch existentiell?
das spielerische dieses vorgehens kommt doch ohnehin an seine grenzen, immer dann, wenn das leben angenehm oder unangenehm wirklich wird: dann können und wollen wir niemanden mehr hinters licht führen, auch uns selbst nicht.
wer es trotzdem dann noch tut, hintergeht nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst. er wird zum camoufleur: die personifizierte unentschiedenheit, jemand, der sich auf nichts wirklich einläßt – bis zu dem punkt, wo er sich in wechselnden spiegelungen zu verlieren beginnt. dann gibt es keinen rückzug mehr und nichts mehr zum nachahmen, nur auflösung. das kann niemand wirklich wollen.
und trotzdem bleibt die tatsache bestehen, daß wir einen fundus an unterschiedlichen selbstbeschreibungen in uns horten, sie je nach anlaß und gegenüber von uns geben und vielleicht erst in ihrer summe annähernd vollständig enthalten sind – und in dem, was andere davon verstehen oder zu verstehen in der lage sind, indem sie im lebendigen kommunikativen austausch schnittmengen des verständnisses bilden. und auch diese stehen wieder zur disposition. aber ist es nicht gerade diese unsicherheit, wie und womit wir identifiziert werden, die uns immer wieder zum miteinandersprechen nötigt. dabei authentisch zu bleiben, scheint mir eine frage der haltung: sich selbst und den anderen gegenüber, aber auch der sprache gegenüber.
wie weit konntet ihr mir folgen?
grüße,
uwe.
@ Uwe,
ich überlege, ob wir uns von der Perspektive oder vom Ansatz her unterscheiden.
Du schreibst “brauchen wir nicht diese täuschungs- und ausweichmanöver…”. Das setzt voraus, dass wir mehr oder weniger darüber verfügen können, wie wir damit umgehen. Meine Frage ist: Können wir überhaupt anders? Wenn es dieses Etwas jenseits der Verfügungsmacht gibt, bleiben die Selbstbilder, die wir entwerfen, dann nicht notwendig fragmentarisch? Ich stimme Dir vollkommen zu, dass diese Sprachbilder dann durch den Austausch mit anderen – ebenso notwendig – wieder in Bewegung gesetzt und durch andere Bilder verändert werden.
Na Ihr Psychologen,
ich hatte mich wegen zu wenig Zeit ja zwischenzeitlich ausgeklinkt und die Kommentare nun hintereinander gelesen.
Mir fiel auf, dass, wie auch bei der Kitsch-Debatte, relativ schnell ein Punkt erreicht ist, an dem man ins Vage spricht. – An dem ich das Bedürfnis hätte, mehr zu wissen oder jemanden zu hören/ zu lesen, der vom Fach ist und einem vielleicht die Sache durch ein paaar Begriffe o. ä. leichter machen oder ihr einen bestimmten Dreh geben kann.
Auf der anderen Seite erkennt man daran ja auch eine (große/ normale?) Unsicherheit: Schwimmen.
Und vielleicht zeigt es noch etwas über unsere Zeit, evtl. sogar über unsere Art heute zu denken: Man scheint, auch im Alltag, recht flott auf einen (pseudo?-)wissenschaftlichen Diskurs verwiesen.
Das hat verschiedene Aspekte.
Einmal kann man das begrüßen als Bemühen um – ja was?: Wahrheit, Objektivität o. ä.
Auf der anderen Seite kann es nicht sein, dass man sich nur noch äußern darf, wenn man als Experte (was immer DAS denn genau ist) sprechen darf.
Wie seht Ihr das?
Um aber doch noch auf einige Kommentare ganz kurz einzugehen:
Nr. 5: Die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Lüge wird man zunächst mal für sich selbst ziehen müssen. Und es dürfte klar sein: Sie ist dehnbar wie ein Gummiband. –
Ist es schon eine Lüge, wenn ich etwas in einem bestimmten Licht erzähle, wenn ich etwas weglasse, etwas ausschmücke? Können nicht schon Gesten Lügen sein? …
Nr. 6: DAS wäre mir zu diesem Thema definitiv nicht eingefallen, finde es eher verwirrend.
Nr. 7: Erzählungen von uns über uns sind MEHr als Sprachbilder, es sind Teile von Selbstbildern – und die haben auch mit dem eigenen Selbst- und Weltbild zu tun und damit, wie wir uns gerne sehen wollen. Insofern auch mit Ehrlichkeit – aber auch der uns selbst gegenüber. Denn wissen oder besser fühlen (!) wir nicht ganz genau, wann wir lägen?
Wichtig und eine gute Anregung finde ich den Hinweis auf die konkrete Sprechsituation – dem nachzugehen würde mich interessieren und ich denke, dass man da auch näher ans Thema käme.
Nr. 8: Was wäre ein “authentisches Leben”?
Ich finde das ist bereits ein pathetischer Begriff. Und vermutlich ein illusionärer. Das Selbstbild des Aufrechten, läßt sich das im Ernst erheben, erhalten, wäre das, bei Licht besehen, überhaupt ein menschliches?
Grüße an alle,
Helmut
vielleicht so:
gerade weil wir nicht über alles verfügen, was uns betrifft – das leben, das wir führen und das uns führt, ist ja in stetiger bewegung -, können wir nur annäherungen, varianten liefern. und ist es nicht so, daß gerade diese unabgeschlossenheit, diese fluktuation von nachrichten, die der sprecher, wir selbst, nie ganz übersieht und beherrscht, von denen er in teilen sogar beherrscht wird und die sich im austausch mit anderen noch dazu verändern, daß uns diese unsicherheit, dieses fragmentarische als menschen in statu nascendi existentiell ausmacht. das schlimmste, was uns dabei passieren kann, wäre funkstille, stromausfall oder gravierende übersetzungsfehler, um im oben gewählten nachrichten-bild zu bleiben.
grüße, uwe.
lieber helmut!
ich hatte deinen kommentar nich nicht gelesen als ich den 13. abschickte. deshalb hier noch ein nachtrag.
1. als hobby-psychologen habe ich uns nicht verstanden. wir versuchten doch nur, das fassbinder-zitat in unsrer eigenes lebens-, welt- und sprachverständnis zu übersetzen. und so vage empfand ich das gesagte nicht. und schon gar nicht als (preudo-?)wissenschaftlichen diskurs. so abgehoben war das doch nicht, was wir geschrieben haben. mir kam es eher so vor, daß wir uns spiralförmig an etwas anzunähern versuchten, ohne einigkeit herstellen zu wollen oder zu können. eine suche nach begriffen, nach kriterien also, um dem zitat auf die schliche zu kommen, oder seine relevanz für den eigenen lebensalltag zu beschreiben. und dafür sind wir doch die mehr oder weniger kompetenten experten, oder? und dazu muß man im wörtersee, im eigenen und in dem des anderen, schwimmen. was spricht dagegen?
2. die ehrlichkeit sich selbst gegenüber – darauf laufen ja deine kommentare zu den schon vorhandenen kommentaren hinaus. das genau meinte ich, wenn ich von haltung schreibe. diese gilt es genauer zu bestimmen: unsere haltung uns selbst gegenüber, aber eben auch der sprache gegenüber, die wir benutzen, um über uns mit anderen zu sprechen. es ist eben nicht nur eine frage der ehrlichkeit, sondern auch eine der prinzipiellen möglichkeit: wie ehrlich können wir überhaupt sein, mit uns und den anderen? wo liegen die grenzen, und gibt es diese überhaupt? wie lassen sie sich bestimmen? die von fassbinder benannten unterschiedlichen grade der ehrlichkeit bezogen sich doch zum einen auf eine strategie innneralb kommunikativer situationen (gespräche, interviews) und zum anderen auf etwas uns eignendes, uns bestimmendes, über das wir, auch bei größter ehrlichkeit, nicht verfügen. genau das interessierte mich: wir wissen um unsere beschränktheit, spielen mit varianten, und wissen oder besser: fühlen, wie du schreibst, doch, wann wir die grenzen zur lüge überschreiten. über dieses interessante menschliche, psychologische phänomen, dachte ich, würden wir uns bisher unterhalten, jeder zwar in seinem eigenen sprachkreis, aber doch mit schnittmengen, wie zu hoffen nicht unterlassen kann.
3. “authentisches leben”. nun ja, ich teile dein unbehagen an dem begriff. aber auch du sprichst von einer ehrlichkeit sich selbst gegenüber. zielt das nicht auch in diese richtung?
grüße, uwe.
Wenn ich das richtig bei ZVAB gelesen habe, dann ist heute der 25. Todestag des Knaben – und der 125. von Karl Valentin.
Kürzlich gab es ja einiges in er “Zeit” zu lesen über die Verwaltung seines Erbes und die Querelen darum.
Grüße,
H.
Rainer Werner Fassbinder ist am 10.6.1982 gestorben, Karl Valentin am 9.2.1948. Und die einen streiten ums Erbe, die anderen um das Auslegen von Zitaten.
Wobei ich uns – wie Uwe schon geschrieben hat – nicht ganz so über den Wasser schwebend sehe wie Du im Kommentar 12. Wenn ich es richtig verstehe, fehlt Dir in manchen Diskussionen eine (wissenschaftliche) Tiefenschärfe, die stärker an den einzelnen Objekten orientiert wäre. Und Du beklagst es, dass im Alltag – und ggf. auch hier – pseudo-wissenschaftliche Aussagen bestehende Unsicherheiten überlagern. Nach meiner Einschätzung probieren wir hier unterschiedliche Sichtweisen aus, wechseln dabei im Schreibstil und im Duktus, um uns anzunähern oder voneinander zu entfernen. Ein Wechselspiel, das nur in guten Momenten gelingt, auf die Dauer, wie mit diesem 16. Kommentar, aber auch neue Verwirrungen produziert.
lieber w-d,
aber das ist doch nicht verwirrend, was du da geschrieben hast.
wie du, sehe ich unseren trialog – mehr ist es ja leider bisher noch nicht geworden – als ein wechselspiel der stimmen und sprechweisen, bei dem sich in guten momenten eine schnittmenge des verständnisses bildet. das allein ist es doch schon wert.
entscheidend ist die diversität – der sprach- denk- und anschauungsstile und was bei ihrem augeinandertreffen entsteht.
ich genieße unseren trialog sehr.
er zwingt, hinzusehen auf das langsame verfertigen der gedanken beim schreiben. vielleicht werden wir auch immer genauer dabei.
das ist zumindest eine meiner hoffnungen – und auch schon eine teilantwort auf deinen, lieber helmut, neuen beitrag über wesen und sinn der blogs. doch darüber dort dann mehr.
grüße, uwe.