Jun 26 2007

Vom Schreiben leben

Published by at 9:46 am under dans l'eau

Gestern Abend war in “Titel Thesen Temperamente” ein Interview mit dem offensichtlich todkranken Walter Kempowski zu sehen.
Wie mir schien im Nebenbei machte er die Bemerkung, dass er nicht von seinem Schreiben hätte leben können. – Wenn man das einen Moment lang auf sich wirken lässt und überlegt was das heißt, eine eigentlich erschütternde Aussage. Kempowski war Lehrer, “Schulmeister”, wie er selbst sagte, da kamen die Finanzen her.
Was aber heißt das, wenn selbst einer wie Kempowski, der ja nun wahrlich kein Unbekannter ist, der einige Bücher geschrieben hat, die sich auch verkauft haben, von dem Buchtitel sprichwörtlich wurden, der immer in den großen Blättern besprochen wurde und der auch wichtige im weiteren Sinn historische Bücher, wie etwas das “Echolot” herausgebracht hat, nicht genug verdient, um davon zu leben?
Schon Arno Schmidt brachte sich nur mit Mühe über die Runden – bis er auf sein Mäzen stieß. Vom 18. und 19. Jahrhundert einmal zu schweigen.
Wie mag es unbekannteren Autoren gehen?
Wird das Schreiben so gering geschätzt?
Ist damit nichts zu verdienen – oder wer verdient daran?
Sieht das in Frankreich, Italien, England etc. ebenso aus?
Gibt es einfach zu wenige Leser?
Zu viele Bücher?
Jedenfalls ist es doch ein wenig schockierend und auch fast peinlich, jemanden wie Kempowski sagen zu hören, dass er von seinen Büchern nicht hätte leben können. Zumal das ja für viele andere steht, denen es noch viel schlechter gehen wird.
Entspricht die Minderbezahlung der Geistesarbeit auch einer ebensolchen Achtung?
Ist es ein gutes Zeichen, wenn die Literatur – und zunehmend greift der Umstand ja auch auf die Geisteswissenschaften aus – nur noch aus der hohlen Hand und nebenher entstehen kann? Soll er gar ein Ausweis ihrer Qualität sein am Ende?
Wie und wohin ist eine Gesellschaft unterwegs, in der das so ist?
Denn posthume Schätzung bringt dem Autoren wie dem Künstler wenigst.
Sind Autoren unterbezahlt?
Und falls ja – wer sollte sie bezahlen, wenn es der Markt nicht hergibt?

21 responses so far

21 Responses to “Vom Schreiben leben”

  1. wolf-dieter sagt:

    Ein paar Zahlenspiele:

    Das “Uni-Magazin” schrieb 2005:

    “Bei der Künstlersozialkasse sind rund 35.000 Mitglieder im Bereich Wort gemeldet, die ein jährliches Durchschnittseinkommen von rund 14.000 Euro beziehen.”

    In diesem Betrag sind auch die Einnahmen drin, die nicht durchs Schreiben erzielt werden.

    Im Forum von “Wer weiss was” wird für 2003 der Reingewinn einer kleineren Buchhandlung mit 50 Cent angegeben, wenn sie ein Buch für 100 Euro verkauft. Die Autoren erhalten nach einer anderen Aussage in diesem Forum zwischen 6 und 15% vom Nettopreis des Buches.

    Ich weiß nicht, ob diese Zahlen richtig sind, aber in ihnen kommt eine Tendenz zum Ausdruck, die sich mit Helmuts Aussagen deckt.

  2. Michael Schwarz sagt:

    Ich glaube, der Plot ist, dass allgemein etwas wesentliches miteinander verwechselt wird ! Es wird die “Verpackung” der “Ware” mit der “Ware” gleichgesetzt.
    Die Verpackung, das ist das Buch oder die Broschüre oder das Gedruckte. Das ist mit der heutigen Technologie extrem billig zu produzieren.
    Die eigentliche Ware ist die Literatur, die eben als flüchtiger Gedanke bis jetzt irgendwo anhaften musste, will man sie transportieren.

    Der interessantere Weg bahnt sich doch an :
    Der Vertrieb der eigenen Geschichten und Träume und Sehnsüchte und Ratschläge und und und … im Eigenverlag über das Internet.
    Da stecken wir noch in den Kinderschuhen.
    Es könnte doch so laufen : Ich suche etwas zum lesen. Es schwebt mir auch ein Genre vor, z.B. Krimi, Liebesroman, SciFi, oder etwas über das Meer oder über Spionage, egal.
    Ich google z.B. Krimi in Frankfurt Drogenszene, o.ä.
    Jetzt muss ich als Internet-Selbstverleger meine Geschichte unter möglichst vielen inhaltlichen Labels in die Suchmaschinen gebracht haben und werde dann auch gefunden.
    Und dann muss ich meine “Ware” so schmackhaft, spannend und neugierig machend wie möglich präsentieren. Wer sich dafür entscheidet, zahlt, sagen wir mal 5 Euro über PayPal o.ä. und kann sich das ganze PDF-Dokument inkl. Illustrationen herunterladen.
    Oder er zahlt 20 Euro und bekommt das Ganze als Book on Demand von mir als Autor zugesandt. In jedem Fall habe ich als Autor mehr davon. Natürlich auch mehr Arbeit. Aber von nix kommt ja nix.

    Ich bitte um Kommentare.

  3. Helmut sagt:

    Eine mögliche Variante, aber ehrlich gesagt scheint sie mir nicht zukunftsträchtig.
    Ich habe noch kein Book on Demand gekauft. – Hat jemand Zahlen, wie das läuft? Gibt es ja immerhin schon einige Jahre.

    Mein Bedenken geht zunächst in Richtung Qualität.
    Wenn ich einen Verlag habe, den ich kenne, weiß ich in etwa, was ich erwarten darf. – Sowohl vom Inhalt her wie auch von der Machart des Buches.

    In einem Verlag arbeiten Profis, die ein Interesse daran haben, ein gutes Produkt herzustellen. Das spricht für eine gewisse Auswahl und viel Kontrolle.

    Das fällt im Fall des Selbstgestrickten weg.
    Und wenn ich mir ansehe, was manche Leute, etwa auch im Netz, oft aber auch in Büchern so veröffentlichen, dann bricht mir leichter Angstschweiß aus beim Gedanken, dass dies das Niveau der Zukunft sein sollte.

  4. wolf-dieter sagt:

    So manches Buch, dass Helmut im Eckfenster vorgestellt hat, zeigt mit Blick auf die Rechtschreibung Mängel, die auf einen wenig sorgfältigen Umgang mit der Ware Buch schließen lassen. Insofern ist die Gleichung Verlag=Qualität nicht mehr zwingend.

    Ich habe noch kein ganzes Buch am Bildschirm gelesen, und bislang habe ich auch nur einzelne Passagen ausgedruckt, um eine PDF-Datei ohne Bildschirm lesen zu können. Wenn es ansprechende Illustrationen gibt, müssen in der heimischen Druckerei die Druckqualität und das Papier stimmen, damit man Freude daran hat.

    Ich bin auch kein Freund davon, das Lesen des gebundenen Buches als Alternative zum Lesen am Bildschirm zu betrachten. Das sind einfach verschiedene Dinge, und das gedruckte Buch wird durch das Internet nicht verschwinden. Meine Erfahrung ist, dass das Lesen auf einem Computerschirm das auswählende Lesen fördert. Ich lese mal zielgerichtet, mal surfend aber selten so ausdauerend wie bei einem Buch, das ich in die Hand nehmen kann.

    Auch ein gedrucktes Buch hat in meinen Augen eine Hypertextstruktur, etwa für Erinnerungen und frühere Leseerlebnisse, die sich an die Worte anlagern. Beim Lesen im Netz mag ich die direkte Möglichkeit, Wörter per Mausklick aufzuschließen und nach Kontexten und Bedeutungen zu suchen.

    Beim Spiegel gibt es einen Artikel zu books-on-demand aus dem Jahr 2004. Das erfolgreichste Buch, das so vertrieben und durch den Film “Ghost Dog” bekannt wurde, heißt “Hagakure”, ein Ehrenkodex für Samurai-Kämpfer. Das ist das einzige Buch, das ich bislang auf diesem Weg gekauft habe. Nimmt man es in die Hand, dann atmet es nicht wie alte Bücher. Aber seine Haptik passt gut zu einem Buch, dass ein Mitteleuropäer übers Netz gekauft hat, weil er in einem amerikanischen Film einen Profikiller gesehen hat, der sich am japanischen Samuraikodex orientiert.

  5. wolf-dieter sagt:

    Wenn Hans Dampf nur ein Buch macht, vielleicht macht er das mit Hingabe und Leidenschaft.

    Kommt die Orientierung aus dem Überblick? Die Frage nach dem Einordnen stellt der gestimmte Leser, nicht der Autor. Für mich ist ein Buch ein Werk und ob es sich in die Reihe der anderen Bücher einordnen lässt, kann offen bleiben.

    Ich sehe das Buch, das ich daheim ausdrucke, auch nicht in Konkurrenz zum gekauften. Es sind verschiedene Medien mit je eigener Qualität.

  6. Helmut sagt:

    Für mich ginge das 1. Argument eher andersherum:
    Wenn schon die Verlage oft keine fehlerfreien Produkte liefern – wie sähe es bei Hans Dampf aus?
    Und wie wäre es mit dem Vertrieb?
    Zumal:
    Das ist ja alles selbst für gut Eingweihte kaum noch (nicht mehr) überblickbar. – Wenn jetzt dazu noch eine ungemessene Zahl zusätzlicher Autoren etc. käme – wie sich orientieren?

    Interessant in diesem Zusammenhang ist natürlich auch der Punkt: Wie lesen wir – mit dem einen oder dem andren Medium?

    Und ob ein Produkt aus dem eigenen Drucker wirklich in Konkurrenz treten kann zu einem gekauften “richtigen” Buch?

  7. Helmut sagt:

    Deine Zuversicht in Ehren, aber es ist die Frage, ob Hingabe und Leidenschaft ausreicht. – Ich fürchte: Nein.
    Aber das ist hypothetisch.

    Der Auffassung, dass es sich um verschiedene Medien handelt, könnte man zustimmen, allerdings wohl wissend, dass das eine Ansicht ist, die sicher elaborierter ist, als es bei der Masse der Buchkonsumenten der Fall sein dürfte.

    Wie orientieren ohne Überblick? -

  8. wolf-dieter sagt:

    So, wie man sich im Straßenverkehr orientiert, man hat eine Ausschnittskarte und keine Weltkarte zur Hand. Und selbst in der eigenen Stadt kennt man nicht jede Nebenstraße, aber ein paar Alleen und Feldwege. Hinweise und Empfehlungen können ebenso wie Zufälle und Fundstücke auf neue Wege führen. Selbst der junge Kollege, der früher Literaturkritiker war und jetzt das Fernsehen kritisiert, dürfte nicht jede literarische Bewegung im www oder auf dem Markt der Bücher überblicken.

  9. Helmut sagt:

    Mir ging es nicht um Vollständigkeit, sondern um Überblick.
    Oder um in Deinem Bild zu bleiben: Wenn man einen Teil der Straßen der Stadt kennt, so hat man doch ein Bild von ihr, einen Überblick. In einem solchen sind viele Informationen enthalten, die man gar nicht mehr als solche erkennt: Hier bin ich mal gestolpert, da hab ich mal gut gegessen, da wohnt jemand, den ich kenne…
    Man braucht erstmal ein Grundraster – und dafür je nach Geschmack und Charakter und Bedürfnis – ein gewisses Maß an Information.
    Mir wäre es die Katze im Sack, im Netz von jemandem, den ich nicht kenne und über den ich wenig bis gar nichts weiß, etwas zu kaufen. Ich schätze die Chance da auf einen Volltreffer zu stoßen doch drastisch geringer ein, als bei einem Verlag, den ich kenne und von dem ich etwas weiß was und auf welchem Niveau er das macht.

  10. wolf-dieter sagt:

    Ich glaube, dass der Überblick immer nur ein Überblick über eine Auswahl ist, wobei der Begriff eine Übersicht übers Ganze suggeriert. Der Verlag als Pfadfinder, sicher und warum auch nicht. Nur warum sollte sich nicht auch abseits des Literaturbetriebs etwas entwickeln, das ebenso Qualität und Relevanz, aber eine andere Form hat?

  11. Helmut sagt:

    Man kann es drehen und wenden. – Ja, warum nicht, Du hast Recht und ich gar nichts dagegen, mir ging es nur darum: Wie groß ist die Chance?
    Sicher, es ist auch eine Frage des Anspruchs und was wir erwarten.
    Woran denkst Du bei anderer Form?

  12. wolf-dieter sagt:

    Ich denke an Literatur, die nicht in Buchform erscheint und deswegen von manchen kaum wahrgenommen wird.

  13. Helmut sagt:

    Konkret?

  14. wolf-dieter sagt:

    Dinge, die im Internet veröffentlicht werden. Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen, die erst später als Literatur eingestuft werden.

  15. Helmut sagt:

    Briefe oderTagebuchaufzeichnungen gab es als Form ja auch schon vor dem Netz. – Meinst Du, dass sich deren Form durchs Netz geändert hat?
    Außerdem könnte man auch sagen, dass das ja eher formlose Formen sind?
    Und wenn man sich über das Interesse Gedanken macht, das man an so etwas haben kann, wie sieht das aus, welche Rolle spielt es? Oder warum sollte/ könnte man sich für so etwas interessieren?

  16. wolf-dieter sagt:

    Formlose Formen – der Einsatzpunkt für die Diskussion waren die Verbindungen zwischen Verlag, Übersicht und Buch. Dass man auf dieser Schiene Entdeckungen machen kann und lesenswerte Empfehlungen bekommt, habe ich nicht bestritten. Wie bei jedem Raster fallen dabei auch Dinge durch oder entgehen der Aufmerksamkeit, weil sie eben nicht in Buchform auftauchen oder primär auf dieses Ziel hin angelegt sind. Die Beispiele Briefe und Tagebücher waren auch mir Belege dafür, dass es schon immer abseits des Literaturbetriebes Literatur gab.

    Ein Text im Netz richtet sich an niemanden und an alle Netzbesucher, die traditionelle Strukturen werden dadurch nicht abgeschafft, aber es treten neue hinzu. Entdeckungen macht man auch im Netz durch Empfehlungen, aber eben auch en passant.
    Michael hat die Möglichkeit ins Spiel gebracht, ein Buch auf Abruf zu drucken, auch das ist eine Variante, eine neue Vertriebsform. Man muss sich dafür nicht interessieren, aber der Bezirk, den man überschauen kann, wird beständig kleiner.

  17. wolf-dieter sagt:

    Die Seite http://www.quillp.com will ein soziales Netzwerk für Leser und Autoren aufbauen. So z.B. kann man seine Lieblingsbücher angeben und sehen, wer vergleichbare Vorlieben hat. Autoren können Manuskripte hochladen und auf Leser hoffen. Wie gut die Seite besucht ist und ob es funktioniert, kann ich nicht sagen, aber die Idee ist nicht schlecht.

  18. wolf-dieter sagt:

    Die Literatursendung “Lesen” mit Elke Heidenreich hat das Medium gewechselt. Ab sofort ist die Sendung im Internet (litcolony.de) abrufbar. Jeden Monat soll eine neue Folge produziert werden. Man muss weder die Sendung noch Heidenreich mögen, aber als Experiment ist die Sache interessant. Gerade auch mit Blick auf unsere Diskussion über Vertriebs- und Werbeformen für Bücher.

  19. Helmut sagt:

    Ich hatte schon davon gehört, aber danke für den Tip!
    Habe mir die Seite eben angesehen – finde sie nicht auf Anhieb übersichtlich.
    Hast Du ein Impressum gefunden?
    Finde aber auch, dass es eine interessante Reaktion ist.
    Vielleicht ist es ja sogar das passendere Medium.

  20. Helmut sagt:

    Habs gefunden.

  21. Das Buch ist einfach spitze. Schon nach dem ersten Band war ich so süchtig danach!

Leave a Reply

*