Jul 04 2007
Filme im TV
In den letzten Tagen kamen, was ja nicht (mehr?) allzu häufig passiert, zwei Filme im Fernsehen, die ich gerne und mit Spannung gesehen habe und anregend fand – die Frage ist, ob jemand von euch sie auch gesehen hat und evtl. ein Wort darüber verlieren möchte:
-”Iris” von Richard Eyre aus dem Jahr 2001, mit Judy Dench und Kate Winslet, die man aus “Sinn und Sinnlichkeit” oder “Titanic” z.B. kennen kann. Der Film wird Drama und “Biopic” genannt – eine Form von der ich in diesem Zusammenhang das erste Mal hörte.
- Und “Die Träumer” von Bernardo Bertolucci von 2003; Gilbert Adair hat das Drehbuch geschrieben. Der lief gestern Abend.
Ich kenne beide Filme nicht. “Die Träumer” habe ich gestern 10 min lang angeschaut. Es wird ganz gelungen mit Filmzitaten gespielt, und es gibt junge, unverbrauchte Schauspieler/innen zu sehen. Das hat mich nicht angesprochen oder berührt, es wirkte in diesen 10 min wie ein abstraktes Spiel, ein kunstfertiges Puzzle.
Im Blog von “Kultur-Channel” gibt es eine Linksammlung mit Kritiken zu dem Film.
Beim BR findet man ein Interview mit Bertolucci, er spricht u.a. über die “68er” die er gegen ihre heutigen Kritiker verteidigt.
…der Scharfrichter hat gesehen…
Den Hinweisen gehe ich nachher nach…
Ich habe ihn bis zum Ende gesehen ohne es zu bereuen. Kann aber auch sein, dass ich nichts gegen kunstfertige Puzzle und abstrakte Spiele habe? Mag sein, trotzdem fand ich, dass der Film darauf nicht völlig zu reduzieren ist.
Hat nicht schon der Titel etwas ironisches?
Eine der Fragen für mich war auch: Gelingt es, das Aroma der Zeit – oder etwas in der Art – zu reproduzieren?
Ich bin den Tips von Dir mal nachgegangen.
Mit dem Interview konnte ich mehr anfangen als mit den Kino-Links.
Zwei funktionierten gar nicht, bei dem von RTL springt einem dauernd ein Werbe-Pop-Up ins Gesicht, bei dem nicht zu erkennen ist, wie mans abstellt: Nervig.
Bei Kinopolis liest man etwas vom Hunger nach Radikalität und Gefühl und irgendwo las ich dann noch, dass der Film nur zensiert ins Fernsehen kam. – Das allerdings wäre dann schon interessant – mir war es nicht klar und nicht ersichtlich, dass ich eine gekürzte Fassung gezeigt bekomme. Finde ich nicht in Ordnung.
…danke für die Blumen…
Da ich nur den Anfang des Films gesehen habe, bezog sich meine Einschätzung darauf. Der Film beginnt klasse: Die lange Kamerafahrt, das Spiel mit Filmzitaten, Jean-Pierre Léaud und Truffaut – so weit, so gut, so schön.
Man lernt die Protagonisten kennen, den jungen Amerikaner Matthew sowie Theo und Isabelle, ein Zwillingspaar. Beide wohnen noch bei ihren Eltern. Sie laden Matthew zu sich ein, da es spät wird, übernachtet er auch dort. Auf dem Weg zur Toilette fällt sein Blick durch eine halb geöffnete Zimmertür und er sieht Bruder und Schwester umschlungen im Bett – so weit, so gut, so -.
Man beginnt zu ahnen, wie es weiter geht. Dass man Geschwisterliebe im Film zeigt, stört mich nicht. Ich habe das schon schöner gesehen z.B. in Murers “Höhenfeuer“)
In einem Interview mit dem BR preist Bertolucci den freien Sex als eine Errungenschaft der “68er”. Freien Sex und Geschwisterliebe – das zu kombinieren steht im frei. Ich als Zuschauer beurteile nur die Darstellung, und dabei kommt die Arbeit der Kamera ins Spiel. Der Blick von Matthew durch die Tür ist voyeuristisch, und so zeigt ihn auch die Kamera – und da liegt das Problem. Die Distanz zwischen Darstellung und Dargestelltem ist völlig eingezogen, die Kamera und die Art, wie diese Szene ins Bild gesetzt ist, sind völlig eins. Die Grenzüberschreitung, der Tabubruch sind aus dem Bild verschwunden, die Kamera und mit ihr der Zuschauer freuen sich an der Schönheit der Körper. So weit…
Am nächsten Morgen spielt Isabelle eine Filmszene vor und Theo muss raten, welcher Film gemeint ist. Da er die Lösung nicht findet, muss er bestraft werden. Wie? Indem er vor den Augen Mattwes das tut, was er vor Jahren schon einmal getan hat: Er kniet vor einem Bild von Marlene Dietrich und beginnt an sich zu arbeiten – rauf, runter, rauf, runter. So weit, so -, so -.
Gut und schön ist das wirklich nicht anzusehen. Auch hier will die Kamera uns das nicht nur zeigen, sondern sie freut sich daran, die Einstellung dauert +/- eine halbe Minute. Warum man das nicht zeigen soll? Die Frage ist, warum zeigt man es so lange und so ausführlich, was teilt es uns mit? Mit Blick auf “68″, freien Sex und Aufbruch mir zuwenig, um den Film weiter zu verfolgen.
Wer den Film sehen will, ich zeige ihn (im Rahmen unserer Reihe “68″) zusammen mit den filmfreunde-saar.de am 19.10.2007 im Saarbrücker Kino 8 1/2. Mit anschließender Filmdiskussion.
die “träumer” habe ich gesehen.
adair hat übrigens nicht nur das drehbuch, sondern auch den gleichnamigen roman geschrieben.
mich hat er angesprochen, allerdings nur bis zu dem punkt, wo ich vor müdigkeit – und nicht wegen langeweile – eingeschlafen bin. zum ende kann ich also nichts mehr sagen. meine letzte erinnerung ist, wie die geschwister ihren gespielen rasieren wollten, im intimbereich. was passiert noch danach?
die drei hauptdarsteller haben mich – bis dahin – begeistert. unverbrauchte gesichter, unverkrampft selbst in den heiklen sex-szenen.
die atmo fand ich nicht so gelungen, ich meine den politisch-sozialen zeitgeist der 68er-bewegung in frankreich. dort schien mir das puzzle aus dokumaterial und spielszenen eher als kulisse und nicht als aussagekräftiger hintergrund zu dienen.
die szenen in der labyrinthischen wohnung, die menage a trois, die s/m-spiele, die z.t. surrealen verhältisse darin, die ungeklärten und doch offensiv wirkenden gefühle, die die drei füreinander hegen, die tabubrüche – all das hat mich mehr überzeugt. mich erinnerten diese szenen an die “kinder des olymp”: ein “quartier des enfants”, hier wie dort.
eine interessante frage wäre: in welchem zusammenhang könnte das inzucht-thema mit der studentischen rebellion stehen?
spannend auch die frage, wie das private schattenreich, das home movie sozusagen, zum einen mit der politischen außenwelt und zum anderen mit den film-zitaten, in und mit denen die drei spielen, korrespondiert oder eben nicht?
was meint der titel? ist der film eine hommage oder eine kritik der studentenbewegung? von was genau träumen die figuren? worin liegt ihre leidenschaft, vielleicht ihre “sucht”, von welcher sache werden sie in den bann gezogen?
grüße, uwe.
Die Onanie-Szene ist peinlich, ja – aber ich schätze mal man zeigt das nicht ohne Absicht, will heißen: Sie soll peinlich sein? –
Auch das könnte man als Kritik sehen.
Wie hättest Du (Wolf) die Szene nicht-voyeuristisch gedreht?
Ich fand sie auch nicht so kraß voyeuristisch. – Der Blick war recht kurz, das Verhalten recht diskret. Und sie lagen ja nur da und schliefen.
Das als Labyrinth, Uwe ist es auch aufgefallen, gedrehte Wohnungssystem fand ich komisch – aber darin kann man ja auch Bedeutung vermuten – welche?
Einerseits hat es die Geborgenheit eines Schneckenhauses, andererseits hat es auch etwas ungut-hermetisches. Die Stadt bleibt draussen.
Krass unterbrochen durch die Steinwurf-Szene, die mir zu deutlich war. Auch schien mir der Griff zum Gas-Schlauch zu unmotiviert. – Und das Verhalten der Eltern, als sie in die Wohnung kamen, völlig merkwürdig.
In den letzten Tagen kamen, etwa auf Arte, einige Beiträge über die 60er Jahre, die ich mir zum Teil angesehen habe.
Das Lebensgefühl, dieser Zeit ist sehr sehr deutlich vom heutigen unterschieden. Dieses an etwas glauben, etwas verändern wollen, das “alles schien möglich” (Bertolucci), klingt in diesem Film wohl an.
Und ich finde es zunächst gut, dass er keinen Film über Sprüche schwingende Steinewerfer gedreht hat.
Natürlich kann und muss man diskutieren warum man sich Zwillinge aussucht, die sich für Geschwister ungewöhnlich freizügig in Sachen Erotik verhalten. (Wirkliche Inzucht schien ja nicht stattzufinden)
Sie spielen Spiele – man müsste ja nicht mitmachen. Der junge Amerikaner wehrt sich ja zum Beispiel gegen das Rasiertwerden. Er hätte es auch ablehnen können, mit dem Mädchen zu schlafen und deren Bruder hätte es ablehnen können, sich vor Publikum einen von der Palme zu rütteln. – Grenzen und Grenzüberschreitungen spielen also eine Rolle. Das kann mit Befreiung oder dem was man dafür hielt, zu tun haben.
Das Ende des Films fand ich zu kurz, zu abrupt, zu unvermittelt. Aber als solches macht es den Kontrast zwischen Innen- und Außenwelt deutlich.
Die labyrinthischen Gänge der Wohnung, eng und dunkel, mögen für Innenwelten stehen – sie bilden den Kontrast zu der harten Realität des Ansturms der Polizei am Ende, in der man nicht mehr zusammenfindet, in der der Traum platzt.
Die Träumer leben für eine gewissen Zeit in einer losgelösten Nebenwelt. – Sie bekommen Schecks, sie sind sich überlassen – eine Experiment-Situation: Was tun sie? Das, was in ihnen und der Zeit ist.
Wenn ich die die Onanie-Szene richtig erinnere, blickt die Kamera schräg von oben über die Schulter von Theo. Das ist der Blick eines Teilnehmers im Raum, nicht der eines Beobachtes der Szene. Wenn es nur um die Tat an sich gegangen wäre, hätten ein paar Sekunden für diese Einstellung gereicht. Es soll also zugeschaut und ausgestellt werden. Nur wozu?
Der Film hat auch gelungene Szenen, wie ihr sie schön beschreibt.
Mir bleibt der Zusammenhang zwischen dem Leben draußen und dem Verhalten in der Wohnung zu abstarkt. Auch wenn man den Film so sehen kann, dass er genau diesen Aspekt darstellen wollte: “68″ als Aufruhr träumender Bürgerkinder.