Sep 20 2007

Lesen

Published by at 1:01 pm under sur l'eau

Das Lesen von Romanen gleicht bisweilen einer Zugreise mit unbekanntem Ziel:
Man tritt die Reise an, ohne recht zu wissen, wohin es gehen soll und was man alles auf der Fahrt erfahren, erleiden, erdulden, erkennen oder auch vergessen wird. Man steigt ein, und ab geht die Fahrt – ins Blaue. Man liefert sich frei- und gutwillig der kreativen Macht eines Autors aus, der einen durch Worte in ein fiktives Anderswo versetzt.

24 responses so far

24 Responses to “Lesen”

  1. wolf-dieter sagt:

    Wenn man es weiter denkt: Was passiert, wenn der Zug verspätet eintrifft?

  2. Helmut sagt:

    Die Metapher des Reisens aufs Lesen angewendet – häufiger noch aufs Leben [selbst] – ist das DER Aspekt?
    Oder warum?

    Das Ziel ist unbekannt?
    Ja und nein: Manchmal, das mag vorkommen, obwohl auch da nie ganz.
    Ansonsten: Wir wissen doch immer schon etwas über den Autor oder das Buch, suchen aus…

    Ob man beim Lesen wirklich viel erduldet, gar erleidet? Und natürlich erfährt man stets auch und zuvorderst: Sich selbst.

    So ganz ins Blaue gehts also doch nicht.

    Kreative Macht, fiktives Anderswo: Ja, aber… Zu welchem Ende so pathetisch?

    Und in diese Richtung verstehe ich auch Wolfs Nachfrage: Ein leises Unwohlsein, eine leise Ironisierung ob dieses Pathos?

    Andererseits: Man kann es so sehen und beschreiben, es ist nicht falsch, nur vielleicht zu wenig konkret?

  3. uwe sagt:

    wenn der zug verspätung hat, dann wartet man eben auf den gleisen. mir ging es auch nicht so sehr um den richtigen zug, als um die erfahrung des reisens selbst, die, wenn man sie mit dem lesen vergleicht, als etwas unabgeschlossenes, prozessuales, ergebnisoffenes begriffen werden kann.

    pathos lag mir fern. ich denke und schreibe so. und pathetisch finde ich die wortwahl auch nicht.

    mir ging es – in anderen worten – um das zeitweise zurückstellen von möglichen bedenken, um das anheimstellen an die wirkkraft von worten, und daß sich die erfahrung, die sich dabei einstellt, mit einer fahrt ins blaue vergleichen läßt. daß dieses einlassen nicht voraussetzungslos geschieht und sich nicht bei jeder art von lektüre einstellt, ist klar. worauf es mir ankam war, daß lesen auch (neben vielen anderen effekten) die eigenen – intellektuellen, psychologischen, sozialen – voraussetzungen, idiosynkrasien, wissensbestände infrage stellen und einen neuen und offenen deutungsraum entstehen lassen kann. und dafür schien mir der vergleich mit einer zugreise mit ungewissem ziel recht passend, und auch konkret genug. der vorteil von vergleichen – so sie denn gelungen sind – ist doch gerade die anschaulichkeit, mit der sie zwei oder mehrere phänomene in beziehung setzen und wie durch dieses in-beziehung-setzen bedeutungen freigelegt werden.

  4. wolf-dieter sagt:

    Meine Nachfrage ging in eine andere Richtung. Da ich überwiegend Fachbücher lese, kommt es gelegentlich vor, dass ich mir ein Buch schon früher gewünscht hätte. Es trifft manchmal mit Verspätung ein, seine Zeit ist vorbei, der Erfahrungsraum, den Helmut beschreibt, bleibt verschlossen.

  5. Helmut sagt:

    Empfiehlt sich das: Auf den Gleisen zu warten?
    Wie wir spätestens seit Uwe Johnson wissen, ist es schon gefährlich die Gleise nur zu überschreiten.
    Denken und Schreiben sind nicht gottgegeben und kein Naturphänomen.
    Lesen kann einen neuen Deutungsraum nahelegen – aber man kann sich fragen, was [in der Regel] stärker ist: Das Mitgebrachte oder das Neue. Was wird stärker aktiviert?

  6. uwe sagt:

    da haben wir ein wenig aneinander vorbeigeschrieben. die erfahrung, die du ansprichst, kenne ich auch. und nicht nur mit fachliteratur, sondern auch mit fiction, auf die ich mich in meinem beitrag bezogen hatte.

    ein buch sucht seinen leser und umgekehrt – da gehört viel finderglück und sucherfahrung dazu. vor allem aber müßte man wissen, was man gerade braucht, was einen anspricht, was die bewegungsspielräume der eigenen phantasie und des eigenen denkens auslotet und aktiviert. man kann sich aber auch überraschen lassen und eine trouvaille machen. wieder anders ist es, wenn man zu früh zu einem buch greift und es nicht zu würdigen weiß, es weglegen muß und es vielleicht später wieder hervorholen wird.

    so gibt es viele spielarten, lese-reisen anzutreten. entscheidend für mich ist: wohin führt mich das gelesene und was ist das besondere und vielleicht unvergleichliche und auch lustvolle am lesen. das kann man – glücklicherweise – von buch zu buch neu erfahren und bestimmen.

  7. uwe sagt:

    an den gleisen, nicht auf den gleisen – da hatte ich mich wohl vertippt.

    was stärker aktiviert wird, muß jeder selbst entscheiden. ich hüte mich, da generelle aussagen zu treffen. ich kenne leser, die haben nach der lektüre eines bestimmten buches wirklich ihr leben anders interpretiert und dann auch anders geführt. ich kenne aber auch welche, die in büchern eher abwechslung und unterhaltung oder selbstbestätigung und -befriedigung suchen und finden. wieder andere, darunter auch ich selbst, balancieren irgendwo dazwischen: sie lesen im hin-blick auf das leben, das sie führen. und manchmal wird dabei das mitgebrachte vom neu kennengelernten modifiziert, und das meine ich nicht nur inhaltlich, sondern auch die ästhetische erfahrung des lesens kann die spur, in der man denkt, wahrnimmt, lebt, handelt neu justieren. diese erfahrung habe ich jedenfalls in meinem leser-leben gemacht.

  8. Helmut sagt:

    Nun wollen wir freilich nicht mit Onkel Sigismund so weit gehen, diesen Ver-Schreiber als Fehlleistung zu interpretieren…

    Ich finde es ist eine zentrale Überlegung:
    Will ich (mit meinem Lesen) mich und meine Weltsicht (mein Denken, Fühlen…) BESTÄTIGEN.

    oder aber

    Bin ich willens und bereit und neugierig darauf: Etwas NEUES, ANDERES auf- und wahrzunehmen.

    Das sind die beiden verschiedenen Grundhaltungen, die freilich in der Regel kaum in Reinkultur anzutreffen sein werden.

    Ob respektive wie oft die Kunst die Kraft hat, etwas in uns anzuregen, das uns, wie es in einem Rilkegedicht heißt, sagt: “Du mußt Dein Leben ändern!”, das ist die Frage.
    Das wird es geben, aber häufig?
    Andererseits ist das schon wieder eine sehr romantische und, ja, pathetische Idee und Konstruktion.
    Warum eigentlich?
    Und: Passiert das Wesentliche nicht vielleicht und im Gegenteil ganz anders, nicht in solchen Hau-Ruck-Aktionen, sondern im Kleinen, Grauen, Alltäglichen – und ist da im Grunde viel mächtiger, als es so eine Spontanentscheidung sein könnte?

  9. uwe sagt:

    mir ging es nicht um eine “hic rhodus, hic salta”-konstruktion des lesens. auch muß es nicht immer zweckdienlich und aufs eigene leben anwendbar sein. es kann zur welt- und ich-findung beitragen, ist daneben aber auch eine sich selbst genügende tätigkeit, eine art von glück, die viel mit spielerischer, zeit- und alltagsenthobener autonomie zu tun hat, wie wir beide an anderer stelle schon einmal formulierten – eine mischung aus konzentration und entspannung, die uns im besten fall hilft, unser leben klüger, bewußter zu führen. ist das schon pathetisch? und wenn: warum nicht so übers lesen und leser-leben denken?

    daß sich das wesentliche im eigenen leben jenseits des buches ereignet, ist ja auch wieder etwas, was man aus büchern lernen kann. viele handeln ja von den leisen sohlen, auf denen sich lebenswenden vollziehen. also: worauf genau wolltest du mit deinem letzten hinweis hinaus?

  10. Helmut sagt:

    Zu Deinen ersten beiden Fragen:
    Wäre m. E. ein Gewinn, wenn bei Dir eine “Achtung-Pathos!” Schere im Kopf zu etablieren wäre. (;-)
    Warum nicht…? -
    Klar, wems behagt.
    Das ist eine Geschmacks-, vielleicht auch eine Entwicklungsfrage.
    Der Weinkenner trinkt lieber die trockenen Tropfen, die Hausfrau bevorzugt Likörchen.

    Zur Frage am Ende:
    Auf eine Erfahrung.
    Man hat womöglich eine ERwartungshaltung.
    Erwartet bestimmte Dinge als Schocks, als Lebensgedöns, das mit Gepolter kommt – und merkt so gar nicht, dass die leisen, kleinen, langsamen Dinge viel nachhaltiger und mächtiger das Leben Formen als die erwarteten Großereignisse.
    Ich habe diese Erfahrung lesend auch schon bei anderen gefunden, habe jetzt aber nicht im Kopf, wo und bei wem. Jedenfalls meine ich, dass es bei Benjamin etwas in diese Richtung geben dürfte.

  11. uwe sagt:

    gegen eine achtung-pathos-schere im kopf habe ich nichts. und auch dein augenzwinkern habe ich bemerkt. trotzdem:
    ich sehe immer noch nicht das pathos, von dem du schreibst. die wortwahl? der anspruch, der hinter diesen worten lauert? eine übergroße erwartungshaltung? ein zuviel des setzens auf worte und ihre wirkfähigkeit? wo genau liegt das pathos? kann man es wirklich in meinem kleinen text (oder in dem, wie ich das lesen in meinem kommentar nr. 9 beschreibe) finden, in dem EIN möglicher vergleich herangezogen wurde, um das, was lesen sein könnte, zu beschreiben?

    da ich es nicht so sehe, finde ich deinen vergleich mit den weintrinkern auch eher abwegig und nicht zutreffend.
    auch ich präferiere trockene weine, will aber nicht ausschließen, daß ich über diese vor-liebe mit zuckersüßen worten ins schwärmen geraten kann.

    was den letzten punkt betrifft, stimme ich deiner einschätzung zu. bei marai gibt es eine kleine miniatur, “das schicksal”, in seinem “himmel und erde”-buch, auf seite 48, was mit dem von dir geschilderten zusammenhängen könnte. schau doch mal rein.

    vom lesen und / als reisen sind wir allerdings abgekommen. schade eigentlich. und w-d scheint ausgestiegen zu sein. auch schade.

  12. wolf-dieter sagt:

    Beim Reisen mit dem Zug kann man aus dem Fenster gucken, aus- und umsteigen oder auch wieder einsteigen. Ich glaube auch, dass, wie Helmut geschrieben hat “im Kleinen, Grauen, Alltäglichen”, vieles sich entwickelt und nachhaltig wirkt. Und der bereits erwähnte Onkel S. war u.a. der Meinung, dass wir nicht die Herren im eigenen Haus sind. Ist die Freiheit zum und beim Lesen also bloße Illusion? Und was würde sich ändern, wenn es so wäre? Die “mischung aus konzentration und entspannung”, die sich dabei einstellt, ist für den, der sie erlebt, real. Wenn das Gelesene auf den Alltag des Lesers einwirkt, ist auch das real. Auch wenn der Leser glaubt, dass es seine eigene Entschlusskraft war, die die Veränderung in seinem Handeln ausgelöst hat.

  13. Helmut sagt:

    Du fragst, Uwe, wo für mich das Pathos hockt:
    Im getragenen Ton, in der existentiellen Aufladung: erfahren – erdulden – erleiden…
    Drunter machen wirs nicht, es geht gleich ins sehr Große, gar ins Blaue. Dann wird sich ausgeliefert – an eine kreative Macht in einem fiktiven Anderswo. – Das ist für mich alles sehr dick aufgetragen, sehr gefühlig formuliert, mit großen Worten, eben pathetisch. Außerdem ist die Reisemetapher selbst ja eine sehr benutzte, wenig originelle. Das muss nicht dagegen sprechen, das kann richtig sein, aber…

    Marai S. 48 ist ein Treffer: Diese Stelle und der Eindruck, dass sie wahres formuliert, hatte ich u.a. im Hinterkopf, aber es gibt auch bei Benjamin Sachen in diese Richtung. (Und, so steht zu vermuten, bei manchen anderen?!)

    Spannend finde ich Wolfs Fragen dazu.
    Sind wir frei? – Und was, wenn das nur Illusion wäre? Und was, wenn es gleichgültig wäre, dass es Illusion ist?

    Außerdem frage ich mich immer wieder, ob das Lesen nicht doch im wesentlichen Unterhaltung ist – die man freilich beliebig überhöhen kann.

  14. uwe sagt:

    unterm strich also:
    mit (deinem geschmack und urteil nach) falschen worten etwas durchaus richtiges beschrieben. wenigstens das. ist doch schon was.

    eine lese-erfahrung so beschreiben, daß sie bei anderen bedeutungen und assoziationen und fragen freisetzen. und das ist doch geschehen. wozu also dieser streit um worte?! spracherzieherische privatlektion für einen unverbesserlichen?!

    ich bin immer noch nicht der meinung, daß ich mit der wahl meiner worte pathos erzielt habe. ich könnte für fast jedes ein anderes wählen, das schon. beim schreiben hatte ich aber diese gefunden und für richtig empfunden. das können andere anders sehen. an der sache, ob nun originell oder nicht, ändert das ja nicht wirklich etwas. denn die kommentare und reflexionen treffen ja ein und ein gespräch entwickelt sich, in dem man sich klarer wird über das, was einem zum thema im kopf herumgeht. so verstehe ich das medium und diese seite: etwas wird versprachlicht und tritt ein in einen prozeß der wechselseitigen kommentierung. da kann man auch anderer meinung sein oder anders darüber schreiben, seine worte anders setzen und mit einer anderen haltung vertreten. das ist doch das spannende.

    zur sache:
    das mit der freiheit oder der illusion der freiheit verstehe ich noch nicht? was genau war gemeint? könntet ihr euch da noch klarer fassen. wäre schön.

    und wäre es auch oder nur unterhaltung, ich könnte es trotzdem nicht lassen. vielleicht sollten wir uns einmal darüber verständigen, was unterhaltung in diesem sinne eigentlich wäre und was das fürs lesen bedeutet.

  15. Helmut sagt:

    Ganz angenehm ist mir diese Diskussion ja nicht, da sie auch sehr Persönliches betrifft: Etwa die Art und Weise zu denken und zu schreiben.
    Und so geht es auch nicht um Besserwisserei oder Privatlektionen und hoffentlich nicht nur um Worte.
    Ich wollte meinem Unbehagen anläßlich [mir so erscheinender] pathetischer Rede Ausdruck geben – einfach weil es da ist.
    Dieses Unbehagen mag auch historisch begründbar und begründet sein, aber nicht nur.
    Es gibt bei mir eine (instinktive?) Abneigung gegen allzu Gefühliges oder gegen gar in den Kitsch abrutschende Rede.
    Ich müßte jetzt selbst überlegen, woher es kommen könnte – und bin mir nicht sicher, ob ich das selbst genau weiß. Aber ich schätze schon, dass es etwas mit Stil, mit Aufrichtigkeit, letztlich mit Wahrheit zu tun hat – obwohl mir das jetzt auch schon wieder etwas zu hoch gehängt ist.
    Bei Einlullung oder Aufhübschung etc. schrillen bei mir die Alarmglocken.
    Denn was will die allzu gefühlige Rede?
    Es ist aber auch eine Frage der Ästhetik. Mir gefällt das Trockene besser und es ist mir weiter vom innerlich Unwahren entfernt.
    Obwohl es auch eine Art von Pathos gibt, der ich durchaus aufgeschlossen gegenüber bin – etwa bei Nietzsche oder u.U. bei Schiller. Wenn Schiller in “Maria Stuart” im Leicester-Monolog diesen vom Optischen über das Akustische ins Gestische gleiten läßt und die Spannungsschraube dabei permanent enger zieht, dann ist die letzte Geste überaus pathetisch – aber eben genial gemacht.

  16. Helmut sagt:

    Eins noch – die anderen Fragen evtl. später:
    Die Art wie man über etwas redet soll nichts an ihr ändern??? Meinst Du das wirklich?

    Und was Du übers Andere-Meinung-Sein schreibst: Ja sicher, das tun wir doch gerade!

  17. uwe sagt:

    wie kommt es, daß ich deine abneigung gegen sprachkitsch durchaus teile, sie aber für mich bei meinem text nicht aufkommt? ist das ein blinder fleck bei mir oder überreagierst du vielleicht doch auch ein bißchen?

    immer noch finde ich den vergleich anschaulich und die gewählten worte zutreffend. du nicht. aber in der sache hast du ja zugestimmt, daß man es so beschreiben könnte. mit anderen worten vielleicht. also los: wie würdest du es ausdrücken?

    persönlich ist die diskussion, das stimmt. und immer entzündet sich das persönliche an meinen texten, was auch auffällig ist, mich aber mitnichten stört. für mich ist das hier ein medium, mich zu äußern und darüber mich zu unterhalten, wie und in welcher form ich das tue, ob nun mit fotos oder texten. da müssen und sollen andere meinungen auftreten. ich schreibe ja nicht vornehmlich, um zustimmung zu erhalten, sondern um kommunikation zu befördern. letztlich wäre es jedoch wünschenswert, daß wir bei aller kritik der form den inhalt nicht vergessen. mir ging es ja nicht um ein statement für die ewigkeit, sondern um die beschreibung einer erfahrung mit worten, die ich in der situation der niederschrift für richtig hielt. und damit sollten wir das thema abschließen und uns wieder der sache zuwenden oder mit einem neuen, anderen text das thema variieren.

    jede rede ändert die sache, von der sie handelt. das ist doch klar. das hatte ich nicht gemeint, eher: in der sache, der wenig originellen aber doch immer wieder zutreffenden gleichsetzung von lesen und reisen, waren wir uns doch einig, bei aller unterschiedlichen auffasung der worte, die ich dafür gewählt hatte. so jedenfalls hatte ich dich verstanden. vielleicht solltest du einfach einmal einen text schreiben, der mir oder uns zeigt, wie du die beschriebene leseerfahrung ausgedrückt wissen willst. nur als anregung. muß ja nicht sofort geschehen. auch haben wir ja noch eine andere lese-baustelle im netz.

    und als anmerkung zuletzt noch: über deine gleichsetzung von pathos und unaufrichtigkeit sollten wir vielleicht nicht so im abstrakten konferieren, sondern am konkreten beispiel. und ich meine hier nicht meinen text. da kommen wir ja nicht überein. da scheiden sich eben unsere geister. sei’s drum. ist doch gut, so werden wir wechselweise gezwungen, uns zu explizieren, so weit wir können und wollen. ich hoffe nur, daß wir andere teilnehmer mit diesen diskussionen nicht allzu sehr abschrecken.

  18. Helmut sagt:

    Der Leser ist ein Psychonaut.

  19. wolf-dieter sagt:

    Nochmal ein paar Worte zur Freiheit. Unterhaltung und der Impuls, das Leben zu ändern, waren die extremen Leseerfahrungen, die wir beschrieben haben.
    Dazu gesellte sich die Frage: Finden wir beim Lesen das Bekannte und Vertraute wieder oder machen wir neue, fremdartige Erfahrungen, um auch hier nur die äußeren Pole zu nennen.
    Für mich ging es nicht darum, diese Fragen in die eine oder andere Richtung zu beantworten, sondern zu sehen, was wird mit diesen Fragen angemeldet? Dafür habe ich das Wort Freiheit gesetzt.
    Wenn beim Lesen das Vertraute im Buch wiedergefunden wird, behauptet sich der Leser als frei gegenüber dem Buch, das Eigene, Mitgebrachte ist stärker als das im Buch gefundene. Nimmt ihn das Buch auf eine Reise mit, die durch das Geschriebene bestimmt ist, befreit das Buch den Leser von seinem Alltag.
    Daran die nächste Frage: Was wäre, wenn beides bloße Illusionen wären, Vorstellungen, die nur solange leben, wie das Buch geöffnet ist? Trugbilder und Schattenspiele des Ichs und des Buches.
    Und: Was würde sich ändern, wenn es so wäre?
    Es geht dabei nicht um die Relativierung von Werte, um Nihilismus oder gar Zynismus. Aber für mich kann die Bedeutung des Lesens nicht dauerhaft (weder pathetisch noch ironisch) bestimmt werden.

  20. wolf-dieter sagt:

    Google übersetzt “All along the watchtower” von Bob Dylan, ein Auszug zu unserem Thema:

    Kein Grund zu erhalten regte, der Dieb, er sprach freundlich auf,
    Es gibt viele hier unter uns, die glauben, dass Leben aber ein Witz ist.
    Aber du und I, sind wir durch das gewesen, und dieses ist nicht unser Schicksal,
    Uns nicht falsch jetzt sprechen so lassen, die Stunde erhält spät.

  21. Helmut sagt:

    Ich finde das hat Poesie!:
    “Uns nicht falsch jetzt sprechen so lassen, die Stunde erhält spät.” Yeah!, hat doch was!

    Man könnte direkt ins Grübeln kommen: Was [um Himmels Willen] will mir das Gerät sagen?

    “Daß Leben aber ein Witz ist”? –
    Oder unfertige Übersetzungsprogramme?
    Man stelle sich mal ein internationales Geschäft vor, das mit Hilfe dieses Programms getätigt würde – könnte spannendste Ergebnisse zeitigen!! – Aber immerhin wird freundlich aufgesprochen!

  22. Helmut sagt:

    Zu Nr. 19.:
    Wie Herr Heraklit schon längst weiß: “Alles fließt”.

  23. uwe sagt:

    zu nr. 18:
    psychonaut ist gut, ein wort, das ich noch nicht kannte. und deshalb u.a. lese ich: um mir unbekanntes kennen- und schätzenzulernen. eine frage vielleicht noch dazu: was überwiegt bei dieser nautischen exkursion, die eigene oder die fremde seele der romanfiguren? auch erinnerte mich das wort an prousts bestimmung der literatur als “optischem instrument” für das eigene innen-leben.

    zu nr. 19:
    vollste zustimmung. auch zur zusammenfassung der kommentare. ein nachtrag vielleicht noch zur freiheit, wie ich sie verstanden hatte: bei meinem kleinen text ging es um das aufgeben der eigenen freiheit auf zeit, um das anheimstellen an etwas, das mich führt (unbekanntes ziel). damit meine ich nicht die selbstaufgabe des kritischen geistes bei der lektüre, sondern ein zeitweiliges einlassen auf die erzählerisch und sprachlich vermittelte fiktion. davon unangetastet bleibt natürlich die freiheit des kritischen urteils.

    nr. 20 kann unkommentiert bleiben. datenmüll. wie lautet der originaltext von dylan?

  24. wolf-dieter sagt:

    Nr. 20 Datenmüll? Für Helmut ist es immerhin noch Poesie, doch genug davon. Den Dylan-Text gibt es hier.

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