Okt 04 2007

Fundstelle

Published by at 6:15 pm under sur l'eau

In der ZEIT Nr. 39 vom 20. September 2007, S. 78, ist ein Gespräch abgedruckt, welches der Musikjournalist Konrad Heidkamp mit dem amerikanischen Jazz-Pianisten Keith Jarrett im Sommer 2007 in Nizza führte. Am Schluß gibt der Musiker ein paar interessante Überlegungen zum Thema Kunst und Leben preis:
“ZEIT: Als Sie krank waren, wurde Musik für Sie immer unwichtiger. Fanden Sie das beängstend?
Jarrett: Ja, aber wenn man ernsthaft krank ist, fällt es schwer, sich über so etwas aufzuregen. Ich hatte nicht mal die Energie, zu erschrecken. Wenn ich ein Buch lesen wollte, war es mir schon zu mühsam, die Seiten umzublättern.
ZEIT: Dann ist Musik kein Trost im Schmerz?
Jarrett: Wenn es einem sehr schlecht geht, kann Musik nichts ersetzen. Sie kann sogar das Gegenteil bewirken. Wie Rilke sagte: Musik erhebe ihn und lasse ihn anschließend tiefer fallen als zuvor.
ZEIT: Ich dachte immer, Kunst sei größer als das Leben.
Jarrett: Stimmt vermutlich nicht! (lacht) Ich dachte das auch mal. Musik mag größer sein als das Leben. Aber wenn das Stück zu Ende ist, kommt das Leben zurück.”

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12 Responses to “Fundstelle”

  1. Helmut sagt:

    Tja freilich ist das so – der alten Volksweisheit folgend: Gesundheit ist nicht alles aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Das ist aber doch eine so basale wie banale Erkenntnis.

    Ich hatte kürzlich einen Brief an einen Freund geschrieben, in dem ich genau diese Erfahrung von eigener Warte aus artikulierte. Nur nicht so sehr auf Musik, mehr auf die Literatur bezogen. Angekommen ist er allerdings nicht – die Post.

  2. wolf-dieter sagt:

    Keine neue Erkenntnis, aber im Zusammenhang nicht uninteressant. Jarrett sagt: “Wenn es einem sehr schlecht geht, kann Musik nichts ersetzen.” und die Antwort der “ZEIT” darauf “Ich dachte immer, Kunst sei größer als das Leben.” Entdeckt Jarrett erst jetzt, dass er sterblich ist wie wir?

    Kunst als Lebensersatz, die dann auch noch größer als das Leben sein soll – dass diese eigenwillige Konstruktion im Angesicht der Bedrohung des Lebens – zumindest der Gesundheit – relativiert wird, verwundert nicht wirklich. Für mich hat – ganz banal – Kunst etwas mit dem Verhalten der Welt, dem Leben gegenüber zu tun. Und wenn Kunst verschieden ist von schlechtem Kunsthandwerk, das nur das Leben verschönern will, muss sie nicht notwendig vor Tod und Leid verstummen. Die letzten Alben von Johnny Cash sind Zeugnisse anderer Erfahrungen, die mir näher sind als dieses Wehklagen.

  3. Helmut sagt:

    So naiv wird Jarrett nicht sein.
    Aber das relativ abstrakte Wissen von etwas – und sei es der Umstand der – auch eigenen – Sterblichkeit – und die Erfahrung davon könnten zweierlei Paar Stiefel sein.

    Kunst als Verhalten der Welt??
    Wie verhält sich denn Welt?
    Verhalten sich nicht immer nur Individuen?!

    Und dass Kunst nicht vor Tod und Leid verstummen muss, ist klar – aber ein anderes Thema wie ich finde!?

    Jonny Cashs letzte Platte (ich benutze mal noch diesen altfränkischen Terminus technikus) ist, das sehe ich auch so, ein Ereignis – und ein Hörgenuß. Der doch eher seltene Fall einer Platte, die man immer mal wieder hören kann – und jedes Mal von Neuem berührt ist. Ein würdiges letztes Album.

    Ist es nicht ein zentrales Movens von Kunst, sich gegen Tod und Sterblichkeit aufzulehnen?! Kunst also nicht als Lebensersatz – sondern, wenn man so will, als eine Art Lebensverlängerung. Beide Momente: Das die Zeit vergessen im aktuellen Moment und das sich evtl. über den eigenen Tod hinaus verlängern, dürften eine Rolle spielen.

  4. wolf-dieter sagt:

    Na klar gilt, was die Volksweisheit sagt: Beim Sterben ist jeder der Erste. Und dass man im Angesicht des Todes wehklagen kann, ist auch unbenommen.

    Aber im Beitrag von Uwe wird eine Verbindung von Kunst und Krankheit hergestellt, die mir in dieser Form nicht einleuchten will. Jarrett sagt dass jetzt Musik nichts ersetzen kann. Ich denke, man kann das wörtlich nehmen. Also meine Frage: Was soll sie denn je ersetzen? Auch wenn man – nicht wie ich in meinem Kommentar – das Leben dahinsetzt, Kunst erhält eine Ersatzfunktion, die angesichts der eigenen Krankheit nichts mehr ersetzen kann. Also eine Schönwetterkunst?

    Kunst als Verhalten der Welt, dem Leben gegenüber. Auch wenn das grammatikalisch falsch sein mag, so zielte diese Aussage darauf, Kunst als Verhalten und nicht als Funktion kenntlich zu machen. Deshalb auch der Verweis auf Johnny Cash.

    Wie kann Kunst sich gegen Tod und Sterblichkeit auflehnen (sofern sie das tut), wenn sie diese Momente nicht in sich aufnimmt und entfaltet?

  5. Helmut sagt:

    Beim Sterben ist jeder der erste?
    Kenn ich nicht. – Ist das richtig so?

    Ich habe das mit Jarrett anders verstanden (ich habe das Interview irgendwo, bei Gelegenheit lese ich es mal durch).

    Ich habe es so verstanden, dass es – durch Krankheit – Momente gibt, in denen einem die Kunst – die einem sonst alles ist – nichts mehr geben kann. Momente, Zustände, die so schlecht sind, dass Kunst schal ist, wo sie sonst prickelnd ist.

    Kunst als Verhalten nicht als Funktion – ich habe eine Vorstellung, was Du meinst, bin aber nicht sicher, ob das richtig ist.

    Zum letzten Absatz:
    Ich sehe das nicht als notwendig an. Zum einen.
    Zum anderen: Nimmt sie evtl. Je nach dem. In Romanen kommt es vor, in Filmen womöglich auch.

    Sie lehnt sich gegen Tod und Sterblichkeit auf – vergeblich wie wir wissen – indem sie erzählt und, wenn man so will, den hinfälligen Körper verlängert.
    Vielleicht erstmal so viel.

  6. wolf-dieter sagt:

    Jeder stirbt seinen eigenen Tod und dabei hilft es nicht viel, dass man schon andere sterben gesehen hat. In diese Richtung interpretiere ich das Sprichwort.

    Das Interview kann man im Netz hier finden.

    Ich will nicht bestreiten, dass Kunst schal werden kann, wenn die eigenen körperlichen Zustände mies genug sind. Mir geht es um die Verbindung, die aufgemacht wird. Pathos pur: Die Kunst ist größer als das Leben. Und dann, wenn das Leiden einen packt, ist das Leben wieder wichtiger. Das ist eine windschiefe Konstruktion.

    Kunst als Verhalten, ja, darum geht es. Hier geht es nur darum, dass das Kunstwerk, das den Kranken nicht mehr anrührt, nur ein Teil im gesamten künstlerischen Prozess darstellt. Erschöpft sich Kunst im fertigen, womöglich gelungenen Kunstwerk? Wohl kaum.

  7. Helmut sagt:

    Zur Kritik der windschiefen Konstruktion: Gut, sehe ich auch so. Man könnte es schärfer fassen, Du sagst schon Pathos, aber ist es nicht vielmehr einfach Gesülze, die Rede von größer als das Leben?
    Länger als das Leben ist, worauf ich rauswollte: Das ist ein Aspekt, Kunst zu machen, um zu überleben.

  8. Helmut sagt:

    Zu dem Sterben-Spruch:
    Er ist der Titel von “Deliverance” aus dem Jahr 1971 von John Boorman und mit Burt Reynolds.

    Kommt da Dein Sprichwort her?

    Gemeint könnte sein:
    Jeder der stirbt, stirbt zum ersten Mal, oder?! Da gibts kein üben, keine Tradition.

  9. wolf-dieter sagt:

    Gesülze, ja, sehr schön. Kunst zu machen, um zu überleben, ist eine andere Sache, und in dem Machen steckt etwas von dem, was ich mit Verhalten meine.

    Ich kann gar nicht genau sagen, woher ich den Sterben-Spruch kenne. Den Film habe ich vor langer Zeit gesehen, ohne dass ich mich an Einzelheiten noch erinnere. 2006 habe ich bei der Ev. Akademie im Saarland einen Blended-Learning Kurs zum Thema “In Würde sterben” angeboten. Da fiel der Satz in mehreren Gesprächen.

  10. Helmut sagt:

    Aber dann verhält sich doch der Einzelne, der Künstler, nicht ein Abstraktum!?

    Den Sterben-Spruch könnte man, und dahin tendierte ich zuerst und fand das etwas absurd, auch so verstehen: Beim Abkratzen will jeder der erste sein.

  11. wolf-dieter sagt:

    Der Künstler verhält sich, ja. Das Kunstwerk und der Prozess, in dem es entsteht, sind Ausdruck und Form seines Verhaltens.

    Dass mancher schnell sterben will, kann ich verstehen, dass man ganz vorne in der Reihe stehen will, wenns ans Sterben geht, erscheint mir auch absurd.

  12. uwe sagt:

    schön, dieser kommentarwurm und wohin er euch geführt hat. ich habe ihn mit vergnügen verfolgt und gelesen.

    nur eines möchte ich noch ergänzen: das von euch monierte pathos in dem zitierten auszug aus dem gespräch wird ja nicht von jarrett selbst eingeführt, sondern vom musikjournalisten heidkamp. dieser fragt zunächst danach, was kunst angesichts einer schmerzvollen krankheit noch vermag und im anschluß daran, ob die kunst nicht “größer” sei als das leben. und zu beidem äußert sich jarrett, wie ich finde, recht klar:
    im schmerz bietet kunst, in seinem falle musik, keinen trost, was nicht ausschließt, daß schmerz in musik resp. kunst seinen ausdruck und seine form finden kann (davon gibt es auch auf jarretts soloalben einige beispiele, in stücken nämlich, die sich inhaltlich auf den tod von personen beziehen, die ihm nahestanden). der konstruktion “kunst ist größer als das leben” erteilt er zwar keine eindeutige absage, doch er relativiert deren geltung, indem er bei aller hochschätzung der musik, vor allem im augenblick des machens, des praktizierens und konzertierens, dem leben seinen respekt erweist. so jedenfalls hatte ich den wortlaut seiner antworten verstanden.

    als ergänzung zum leben-kunst-thema werde ich gleich eine andere stelle veröffentlichen, die, wie ich finde, einen vergleichbaren gedanken enthält. möge sie ähnlich anregend wirken.

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