Nov 12 2007

Zeit, dass sich was dreht

Published by at 1:42 pm under dans l'eau

… sang unser Herbert im letzten Jahr zur Fußball-WM. Dieses Jahr hat Leo Kirch die Übertragungsrechte für die Fernsehvermarktung der Ligaspiele ab 2009 ersteigert. Dazu gibt es neue Informationen:

“Wie der Kicker berichtet, stimmt es zwar, dass die deutschen Profiklubs in den sechs Jahren von 2009 bis 2015 im Schnitt 500 Millionen Euro pro Saison bekommen, doch dieser Betrag ist gestaffelt, was bisher nicht bekannt war. In der Saison 2009/10 sollen daher offenbar nur 460 Millionen garantiert sein.”(FAZ.NET)

Wie dem auch sei, manchen Bundesligaclubs ist das Stück von diesem Kuchen, das für sie bleibt, immer zu klein. Wie soll man denn da auf europäischer Ebene mithalten und die Fernseherlöse der Clubs in England und Italien sind ja soviel höher usw. – ein endloses Klagelied. Und uns, den Fans, will man doch schließlich attraktiven Fußball bieten.

Der FC Saarbrücken gehört aktuell nicht zu den Spitzenclubs im deutschen Fußball. Nach dem Abstieg in die Regionalliga hoffte man auf den Wiederaufstieg in Liga 2. Stattdessen ging es weiter abwärts in die Oberliga Südwest. Was solls? Die Zuschauerzahlen liegen nicht weit weg von denen, die in der 2.Bundesliga erzielt worden sind und selbst zu Auswärtsspielen pilgern 1000 Zuschauer und mehr.

Profifußball im Fernsehen (und man könnte mühelos ergänzen Profi-Radsport la Tour de France) wird zunehmend zum Schauspiel: Man guckt die Spiele im TV wie die Spielfilme davor und danach, die Darsteller spielen mal hier und bald dort, manchmal ist es gute Unterhaltung, oft ein quälend anzusehendes 0:0 oder 1:0, das über die Zeit gerettet wird. Und genau wie in Hollywood gibt es Skandale: Doping, Wettbetrug etc. Auch das gehört zum Geschäft.

In der Oberliga spielen nicht die besseren Fußballer und nicht die besseren Menschen. Ebenso wenig sind das die Zuschauer der unterklassigen Spiele wie es die Randale bei Spielen im Osten unserer Republik gelegentlich zeigt. Aber manchmal hat man den Eindruck, es geht dort tatsächlich um Fußball.

5 responses so far

5 Responses to “Zeit, dass sich was dreht”

  1. Helmut sagt:

    Die zugrundeliegende Frage ist hier:
    Wie verhalten sich Fußball und Geschäft zueinander? Und: Tut das viele Geld dem Sport gut?
    Die Frage ist im Grunde schon beantwortet.
    Ganz spannend, die Schauspiel-These, die mir einleuchtet und auch gefällt, weil sie etwas erhellendes hat. Denn die Zeiten – und so lang sind sie noch nicht her -, in denen ein Verein eine regionale Zugehörigkeit hatte (oder eine Nationalmannschaft – selbst das löst sich ja auf), sind gezählt. Die Spieler wechseln hin und her, nicht nur in der Republik, auch international – es spielt also nicht mehr so sehr Bochum gegen Schalke oder Dortmund, um ein Beispiel zu nennen, sondern so viel Geld gegen so viel oder so viel. Insofern kommt eine Große ins Spiel, wie der Schein.
    Andererseits ist es schlicht Fakt, dass die Massen sich vom großen Fußball und weniger vom Verein um die Ecke angezogen fühlen, auch wenn man dort näher am (eigentlichen?) Fußball ist. Aber ich habe beim Radfahren auch schon irgendwo in der tiefsten Provinz bei einem Aschenplatz angehalten und eine Weile zugeschaut.
    Was soll sich aber drehen – und wodurch? Das System Fußball funktioniert, auch wenn man manchmal den Eindruck hat, dass es sich um eine Blase handelt, die auch einmal platzen kann.
    Aber so lange die Massen im Fußball kompensatorisch ihre Gefühle ausleben können, und das könnte bei schlechten Zeiten noch mehr zunehmen: Ersatzbefriedigung?!

  2. wolf-dieter sagt:

    Profifußball ist ein Geschäft und für die großen Vereine auch ein rentables. Wenn der gemeine Fan seine Meinung dazu sagt, kann ihm auf der Mitgliederversammlung des FC Bayern folgendes passieren:

    Der Alois und der Ralf haben das vermutlich gar nicht böse gemeint. Erst hat der Alois, Trikot, Irokesenschnitt, Typ Südkurvenfan, gesagt, dass in der Tiefgarage oft mehr Stimmung sei als bei Heimspielen des FC Bayern in der Arena, und dann hat der Ralf, Pullover mit Hemd darunter, Brille, Typ braver Familienvater, sehr höflich dargelegt, dass der Fan heutzutage kein Fan mehr sei, sondern Kunde…Uli Hoeneß [dazu] “Das ist populistische Scheiße!”(FR vom 14.11.)

    Trotzdem werden der Alois und der Ralf wahrscheinlich wieder ins Stadion gehen. Ist das noch Ersatzbefriedigung oder nicht schon Masochismus? Ich glaube, dass das Auf und Ab der Gefühle, die zudem öffentlich gezeigt werden können, ein wesentliches Moment der Fußballbegeisterung ausmacht. Auch Männer dürfen weinen, wenn ihr Club absteigt und manche fühlen sich ermächtigt, dem Fan des Gegners aufs Maul zu hauen, nur weil der eine andere Kutte trägt.

    In der FR von heute findet man einen weiteren Artikel, der sich mit Fußballfans in Italien beschäftigt.

    Laut einer Studie des Innenministeriums sind 63 Ultra-Organisationen mit 14 630 Mitgliedern mit Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen aktiv. 35 Ultra-Gruppen mit 5275 Anhängern werden linksextremen Kreisen zugeordnet. (FR vom 14.11.)

    Ich habe keinen Einblick in die Fanszene im deutschen Osten, aber auch dort scheint es Verbindungen zwischen Rechten und der Fanszene zu geben. Ob die Randale bei Fußballspielen in den unteren Klassen damit zu tun hat, kann nicht sagen. Auffällig ist nur, dass dieses Krawall-Phänomen im Westen bislang selten zu beobachten ist.

    In Abwandelung des Zitates eines berühmten Saarländers könnte man sagen: “Den Profifußball in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf”. Was sich wegdrehen kann, sind die Fans. Die großen Vereine brauchen sie noch als schmückendes Beiwerk, als Folklore im Stadion. Obwohl das den meisten Fans klar sein dürfte, gehen sie trotzdem wieder ins Stadion oder sie sitzen wie ich vorm TV – also doch Masochismus bei einem Schauspiel ohne Katharsis?

  3. Helmut sagt:

    Eine Katharsis ist der Tragödie zugeordnet, nicht dem Schauspiel an sich – nun kann man sich fragen: Hat man mit dem Fußball, so wie er sich derzeit sehen läßt, eine Komödie vor sich, einen Schwank, eine Tragödie oder noch anderes, einen Witz vielleicht?
    Masochismus: Nein, glaube ich nicht. Da werden Bedürfnisse bedient, die zum Teil, behaupte ich mal, nicht nur um ein anderes Thema, das uns auch beschäftigt, zu kommen bzw. es mit hereinzunehmen, die Kirche und der Krieg nicht mehr bedienen. Und es ist Unterhaltung. – Warum ist es eine die man sucht, vielleicht weil der Sport einfach ist: Es gibt Sieger und Verlierer, ganz klar. Kein Wischiwaschi. Und weil es im Sport noch tatsächlich um etwas zu gehen scheint, eine Entscheidung, etwas Übersichtliches, ohne lästige demokratische Präliminiarien. – Das ist nicht so Banane wie die 465. Folge irgendeiner Soap. Es ist nicht ganz so beliebig und egal. Es ist nicht so zerquatscht wie sämtliche Nachrichten. Ausserdemn bieten die Vereine wohl etwas Größeres, mit dem man sich identifizieren kann, eine Art Zugehörigkeit, eine Art Ersatz-Familie o.ä., was für viele etwas Anstrebenswertes zu sein scheint. Das hat etwas sich Unterordnendes, etwas von Verantwortung abgeben wollen, vielleicht ist es auch ein kindlicher Reflex?
    So lange diese und wohl noch andere Bedürfnisse befriedigt oder auch nur scheinbefriedigt werden, werden sich die Fans (was ein Fan ist, darüber könnte man ja auch noch ein Wort verlieren…) kaum abwenden und Dein saarländischer Spruch wird richtig bleiben.

  4. Helmut sagt:

    Kleiner Nachtrag:
    Vielleicht ist der Fußball – der Sport überhaupt – wunderbar übersichtlich.
    90 Minuten, klare Regeln, Sieger und Verlierer etc.
    So ist er ein handhabbares Gegenbild zur ausfransenden, nicht mehr recht (be-)greifbaren Wirklichkeit

  5. wolf-dieter sagt:

    Es ist das Schöne am Sport und am Fußball, dass man nicht genau zu sagen vermag, in welche Gattung das Dargebotene gerade fällt. Mal ist es ein Schauspiel, mal erscheint es als Tragödie und dann kommt es doch wieder als Schwank daher. Aktuell scheint im Radsport T-Mobile an einem neuen Stück zu arbeiten. Wie die ARD gestern meldete, denkt man dort ernsthaft über die Verpflichtung von Jörg Jaksche nach.
    Deine Gegenüberstellung von übersichtlichem Sport und ausfransender Wirklichkeit klingt überzeugend. Auch dass man(n) im Heerlager der Fangemeinschaft Geborgenheit findet und dass eine gewonnene Rasenschlacht mehr Befriedigung vermittelt als der Genuss von Seifenopern leuchtet mir ein. Dennoch. Ist der Fan immer so ganz bei der Sache, der er sich hingibt? Vielleicht spielen auch hier der Schein und die Geste eine wichtige Rolle. Vielleicht sind diese Dinge auch wichtiger als der Masochismus, den ich angesprochen habe. Das Spiel findet nicht nur auf dem Rasen satt.

Leave a Reply

*