Jan 20 2008
Fremde Worte
Aktuell, etwa bei der Schließung des Nokia-Werks in Bochum, bleiben dem geneigten Nachrichten-Leser manche Unternehmensentscheidungen unverständlich. Auch die Worte, mit denen die Begründungen formuliert werden, klingen fremd, selbst wenn sie seit Jahren benutzt werden. Fachbegriffe haben in jeder Disziplin ihren Sinn, aber bei einigen Begriffen aus dem Wirtschaftsleben will sich keine “innere Anschauung” einstellen, selbst wenn mir ihre Bedeutung bekannt ist ( “Shareholder Value” ist so ein Beispiel, zur Definition siehe Wikipedia).
Das geht mir genauso.
Habe den Begriff schon ein paarmal nachgesehen – und nichts dazu gemerkt.
Vielleicht soll das so sein?! – Verschleierungstaktik?!
Aber ernsthaft: Ein System, das so ein Vorgehen wie das jetzt von Nokia – und das ist ja kein Einzelfall, man kann es als ein Beispiel von Tausenden nehmen – unterstützt oder – so müsste man es doch wohl sehen- fordert, ist das gut? –
Wird diese Frage irgendwo gestellt?
Es wird hier jetzt das Unternehmen kritisiert oder die Vergaberichtlinien oder was immer. –
Aber im Grunde macht, aus kapitalistischen (oder wie soll man sie nennen?) Gründen ein Unternehmen, das so handelt, doch alles richtig! – Genau wie etwa die Deutsche Bank, die Rekordgewinne einfährt und – als Dank? – eben nicht, es so zu sehen, wäre die verkehrte Optik – darauf mit Massenentlassungen antwortet.
Aber an dem System ewigen Wachstums, immer weiter fortschreitender Spezialiserung, immer weitergehender Ausreizung der Resourcen – Menschen inbegriffen – und schnellerer Globalisierung – mit allem was das bedeutet – kratzt keiner.
Ist es zum Selbstläufer geworden?
Wer steuert da noch? Oder es sich schon längst selbst?
Du sprichst vieles an, dem ich nur zustimmen kann. Spontan zu deinem letzten Satz: Wer steuert? Die Rede von den Sachzwängen, von der internen Logik der Prozesse spricht dafür, dass man selbst nicht mehr steuert, sondern nur noch folgt. (Fast hätte ich geschrieben: “System befiehl, wir folgen”. Aber das System befiehlt schon nicht mehr, es ist einfach notwendig und ohne Alternative, das zu tun, was es verlangt.) Ist das noch etwas anderes als ein Taschenspielertrick, um die Verantwortung an eine anonyme Macht zu delegieren?
Auf der politischen Bühne versuchen Gruppen wie Attac andere Themen auf den Spielplan zu setzen. Nach ihrem Selbstverständnis ist Attac eine heterogene Gruppe, die ihre Ziele nicht aufgrund der selben Motivation ihrer Aktivisten bestimmen. Das könnte ein Ansatz sein. Aus dem Selbstverständnis von Attac:
Ja, hier stellt sich genau die Frage nach der Verantwortung – und da wird das Echo und das Eis GANZ dünn. -
Gewinne abrahmen will jeder, verantwortlich sein – keiner. –
Mit Attac habe ich mich noch nicht befasst – die erste Frage wäre, wie man bei heterogener Zusammensetzung zu gleichen Zielen kommt. – Findet ein Meinungsbildungsprozess statt – oder wer bestimmt hier wos lang geht?
Ich werde mir Attac mal ansehen.
Noch ein paar Worte zur Logik. Ich glaube, es war der langjährige Präsident der US Notenbank Alan Greenspan, der sinngemäß davon sprach, dass die Börsenkurse nicht logischen Bedingungen und Ursachen unterliegen. Dazu passt eine Meldung, die heute durch die Presse ging. IDS Scheer, ein großes Software- und Beratungshaus, hat im letzten Jahr die höchste Umsatzsteigerung verzeichnet, aufgrund der momentanen Lage an den Börsen hat die Aktie aktuell 5 % verloren.
Vielleicht ist die Börse mehr psycho-logisch?
Heute ist im Feuilleton der FR unter der Überschrift “Wortdroge Fehlspekulation” ein trefflicher Artikel erschienen, der sich mit diesem Themenkomplex beschäftigt. Es geht darin um das Auf und Ab der Börsenkurse und den Kredithandel. Mit Blick auf den Abwärtstrend der Kurse, seine Ursachen und wie uns das Ganze erklärt wird, schreibt Manfred Schneider:
Wohl wahr gesprochen. Auch zum Thema “Verantwortung” trägt Schneider etwas bei, wenn er über den Einsatz von externen Beratern bei der Entscheidungsfindung im Unternehmen schreibt:
Am Ende seines Artikels liefert ein Beispiel dafür, dass das Feuilleton einer Zeitung auch von unmittelbarem und praktischem Nutzen sein kann, wenn er empfiehlt:
Was wissen wir eigentlich über die Börse und was sich da abspielt?
Ich habe da sicher nur eine sehr ungefähre Vorstellung – von sehr weit außen. – Ob und inwieweit sich das mit dem, was da tatsächlich vor sich geht, deckt: ? –
Aber “Gewinnirresein” ist nett, gefällt mir – und scheint mir größere kollektive Zustände gut zu beschreiben.
Auch ich habe nur eine ungefähre Vorstellung davon, was da passiert. Was mir an dem Artikel und den Äußerungen von Greenspan aufgefallen war, dass jemand der genauer hinguckt, ähnliche Formen des Irrsinns entdeckt wie der naive Beobachter von außen. Damit berühren sich zwei Extreme, der Blick von ganz außen und die Perspektive des Insiders. Es sind die, die irgendwo dazwischen sich aufhalten, denen der Irrsinn als Logik der Sache erscheint.
Ich hatte jetzt endlich etwas Zeit, mir etwas über ATTAC anzusehen – und muss sagen, dass sich das recht gut anhört.
Sicher könnte man – wo nicht? – auch hier Kritisches suchen und finden, aber im Grunde klingt es zunächst für mich so, als wäre das was, das man erfinden/ gründen müsste, wenn es das nicht schon gäbe.
Allerdings ist es eine doch noch recht kleine Zahl von Leuten, die sich damit identifiziert oder sich engagiert. – Für Deutschland las ich eine Mitgliederzahl von 18.600. Immerhin. Aber man könnte sich vorstellen, dass angesichts der Umstände mehr Leute Interesse und Bereitschaft hätten, etwas zu tun. Kann aber ja auch noch kommen.
Und es könnte auch sein, dass der Name so sehr an attack erinnert, dass er vielen zu militant klingt?
Ich kann auch nicht viel mehr zu Attac sagen, aber ich finde den programmatischen Ansatz interessant, dass man Gemeinsamkeiten über die Ziele und nicht die geteilte Motivation zu finden versucht. Damit hat man die Möglichkeit, in wechselnden Konstellationen Dinge anzugehen. Es braucht nicht (mehr) ein einheitliches (Klassen-)Bewusstsein, um gemeinsam für eine Sache zu streiten.
Stimmt.
Gut finde ich auch, dass man auf der Suche nach Alternativen zum neoliberalen Dogma ist und eine “ökonomische Alphabetisierung” betreiben will, die sich die demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte auf die Fahnen geschrieben hat – und zwar durch die Vermittlung komplexer Zusammenhänge, ohne Gewalt und mit dem Konsensprinzip.
Daran finde ich nichts auszusetzen, um nicht zu sagen, dass ich den Eindruck habe, dass das bitter nötig ist. – Bezeichnend wohl, dass das außerparlamentarisch passieren muss.
Der Spiegel hat ein kleines Lexikon mit Begriffen veröffentlicht, die in der aktuellen Finanzkrise häufiger verwendet werden.
Alexander Kluge schreibt an einem neuen Buch: “Früchte des Vertrauens. Die Finanzkrise, Adam Smith, Keynes, Marx: Worauf kann man sich verlassen?”
Zitat dazu von Kluge aus der Zeit:
Habe das Interview mit ihm in der “ZEIT” gelesen.- Kluge ist halt ein Kluger. Einer der wenigen (?!) auf positive Art Anregenden.