Feb 06 2008
Aufgegeben
Beachtlich viele Büro- und Ladenflächen sind zu sehen und bieten dem Spaziergänger Gelegenheit, sich einer Ästhetik der verlassenen, aufgegebenen und nun schäbigen Geschäfts- und Verkaufsräume anheimzustellen, die durch ihre Leere und die bewegte Umwelt spiegelnden Fensterflächen neue Anschauungsqualitäten erhalten. Waren sie zuvor Orte des ökonomischen Kalküls und in ihrer Eigenart nicht zu sehen, werden sie jetzt zur sichtbaren Bühne für das Spiel abblätternder Farbe, verschmutzter Wände, wechselnder Lichtverhältnisse und der Reflexionen des passageren Lebens auf dem Bürgersteig.
Gut beobachtet, das findet man so auch in Saarbrücken. Man bleibt häufig vor diesen Fenstern stehen und schaut neugierig hinein.
Ein Kunstprojekt, das hier noch bis Ende Februar zu sehen ist, nimmt die Erfahrung, die du beschreibst, auf. Studenten (?) der Hochschule der Künste haben die Schaufenster leerer Geschäfte mit verschiedenen Formen von Lichtkunst gestaltet. Nicht alles wirkt gelungen, aber ein interessantes Projekt.
Interessant an den leerstehenden Ladenflächen ist für mich ihre Ausstrahlungskraft auf das komplette Umfeld. Sie scheinen nicht nur zu sagen: “Bei mir gibt’s nichts mehr zu kaufen!”, sondern “Hier gibt’s nichts mehr, nicht rechts und nicht links von mir! “. Der einkaufswillige Blick stolpert über die Lücke, der Sog ist unterbrochen und das Geschäft nebenan, wie die möglichen KundInnen stehen unterm Rechtfertigungsdruck: “Was habt Ihr hier zu suchen?” Waste Land.
Gleichzeitig tickern in Büros woanders Rechenmaschinen, die Mietausfall, Abschreibungsmöglichkeiten und Verkauf kalkulieren. Leerraum macht Arbeit – ein gutes Geschäft.
danke für den hinweis. ich werde mir die seite anschauen.
auch für mich war die spannung zwischen den leeren verkaufsräumen zu den angrenzenden geschäften insofern von interesse, als sich die blickbewegung und der gang der passanten davor veränderten, ganz so wie kathrin es beschrieben hat.
als ergänzung will ich noch mitteilen, was ich bei einer anderen bummelei erlebte. ich blieb mal wieder vor einem aufgegebenen geschäft stehen und las das plakat an dem großen ponoramafenster: “leere ladenflächen zu vermieten”. neben mich stellte sich eine ältere frau, die sich spontan mit den worten an mich richtete: “es graust einem, darüber nachzudenken, wohin das noch führen soll. hoffentlich nicht in einen neuen krieg!” eine interessante und wahrscheinlich aus eigener historischer erfahrung gespeiste assoziation.
ich habe mir das kunstprojekt angesehen. eine tolle idee mit zum teil sehr guten arbeiten. das sollte in anderen städten aufgenommen werden.
in haha gibt es vergleichbares. so nutzen galerien die schaufensterflächen von aufgegebenen geschäften in der innenstadt, um arbeiten ihrer künstler zu zeigen. es gab auch einmal für eine kurze zeit ein projekt, daß sich street-gallery nannte, wenn ich mich recht erinnere. dort wurden die fensterflächen und der raum dahinter mit eigens dafür fabrizierten kunstobjekten ausstaffiert, die man im vorbeigehen, ohne die schwelle zu einem museum oder einer galerie zu übertreten, gewissermaßen en passant und als passant betrachten konnte. ein ziel war, die schwellenängste abzubauen, die trennung zwischen alltags- und kunsterfahrung tendentiell aufzuheben. ob’s gelungen ist, weiß ich nicht. für mich waren es willkommene blick-wechsel. leider ist das projekt wieder abgebrochen worden. nun sieht man wieder leere fußböden, abgerissene tapeten, kaputte steckdosen, müllreste, ein ensemble, das bisweilen in der betrachterphantasie wieder einen inszenatorischen charakter annimmt. wilhelm genazino nannte das mal “zufällige kunstwerke”. wohl dem, der in der ansonsten trist-öden stadtlandschaft auf sie stößt oder gestoßen wird.
Zufällige Kunstwerke – eine nette Beschreibung. Ich vermute, dass auch in SB die Umwidmung von leerstehenden Geschäften zu Kunsträumen nur von kurzer Dauer ist. Man sieht immer wieder Läden, die als Ausstellungsräume, meist für Bilder genutzt werden, aber vieles wirkt lieblos und zugestellt, eher als Abstellraum für Bilder, die nie jemand kaufen wird.
In Sulzbach, einem Nachbarort, hatte ein Gewerbetreibender seinen leeren Laden an einen Existenzgründer für wenig Geld vermietet. Die Gründung gelang, man einigte sich für die kommenden Jahre auf eine moderate Miete und beide sind es zufrieden. Das Projekt fand keine Nachahmer, manche lassen die Räume scheinbar lieber verkommen oder warten auf die 1-Euro Läden.
Ich kenne auch ältere Leute, die beim Anblick der leeren Geschäfte an Krieg denken. Mein erster Gedanke ist das nicht, vielleicht weil mir die entsprechende Erfahrung fehlt. Manch Älteren mag der Gedanke fremd sein, dass man auch am Leerstand verdienen kann.
[...] Februar hat Uwe einen schönen Beitrag zur Anmutung leerer Schaufenster geschrieben (Aufgegeben). In einem Kommentar habe ich über die Saarbrücker Ausstellung “Das inszenierte [...]