Feb 09 2008

Spielplatz

Published by at 11:44 am under sans l'eau

Auf dem Spielplatz treten ein halbes Dutzend offensichtlich sozial wie ökonomisch bestens gesettelte Elternpaare im modischen Outfit auf, die ihre Kinder eher auszustellen als auszuführen scheinen. Selbst auf dem Spielplatz sind sie gut gekleidet, auch der Nachwuchs in der aktuellen Kindermode, weshalb er sich auch nicht im Dreck oder Sand wälzen, sondern höchstens mal dezent schaukeln darf. Der Sand wird kaum berührt, meist trägt ein Elternteil das Kind zu den Spielgeräten. Und immer dieser Blick zu den Umstehenden, ob diese auch bemerken, wie ausnehmend gut der lebendige Zuerwerb, der Nachwuchs, ihnen zu Gesicht steht, so als wären die Kinder vor allem Merkmalsträger eines sozialen Status. Interessant auch die Gesprächsfetzen, die man hören kann und vielleicht auch soll. Die Väter stehen meist in kleineren Gruppen zusammen und unterhalten sich über ihre Profession, ihre Karriere, den letzten Urlaub oder allgemein übers Geldverdienen. Die Lütten bleiben dabei von ihnen fast unbemerkt. Was diese wollen, bleibt ihnen verborgen. Allenfalls erreicht die Kleinen einmal eine ermunternd gemeinte, letztlich jedoch teilnahmslose Ansprache. Die Mütter trinken Bionade und schwadronieren über ihren letzten Shopping-Marathon im Luxus-Einkaufszentrum, bei dem sie unzählige Schnäppchen haben tätigen können. Dabei ziehen sie ihre gebräunten Finger durchs offene, gebleichte oder naturblonde Haar. Der Spielplatz wird zum Spiegelsaal ihrer Selbstgefälligkeiten, der öffentliche Ort zur Bühne, auf der sie ihre feinen Unterschiede präsentieren und von Gleichgesinnten und -gestellten bestätigen lassen. Den Höhepunkt dieser Schaustellung bildet der Dialog zweier Väter, die sich über den verwahrlosten Zustand des Spielplatzes aufregen. Sie tauschen Ideen aus, wie man diese “Location” optimieren könnte. Eine Privatisierung scheint ihnen am besten das zu garantieren, was sie von einem Spielplatz verlangen: optimale Spielgeräte, regelmäßig erneuerter Sand, professionelles Aufsichtspersonal, elektronischer Einlaß von zuvor ausgewählten Familien, die ihren Obulus an den Geschäftsführer entrichtet haben. Ein Ghetto mehr also, was sie aber nicht stört, da sie ja unter Ihresgleichen bleiben wollen. Der Dialog scheint mir kein Scherz zu sein, vielmehr ist seine tiefere Bedeutung an ihren selbstzufriedenen Gesichtern abzulesen. Ich sitze im Schatten und werde nicht mal als still sich wundernder Lauscher bemerkt.

13 responses so far

13 Responses to “Spielplatz”

  1. Helmut sagt:

    Ich war schon lange nicht mehr auf Spielplätzen.
    Was beschreibst Du?
    Die Eltern, nicht die Kinder.
    Sie entsprechen Klischees. Männlich – Weiblich – Gruppe.
    Du siehst das kritisch.
    Wie sähen sie es selbst?
    Als Normalität? Oder auch mit einem Abstand?
    Und, nicht unwichtig, wie sehr ist das für den derzeitigen Stand unserer Gesellschaft pars pro toto gültig?
    (By the way: Es muss “Obolus” heißen)
    Wehrst Du Dich gegen die Rollenklischees? Oder stoßen Dir die sozialen Rang- und Abgrenzungsabzeichen auf?
    Wenn ja, warum? Denn neu ist das nicht. –
    Es scheint eine anthropologische Konstante zu sein, dass Menschen im wesentlichen nur in der Lage sind, sich in kleinen Gruppen zu definieren, sich mit diesen zu identifizieren und nach außen abzugrenzen. – Steckt wohl noch die Steinzeit-Horde drin, Outfit hin oder her.
    Man kann das – und zu Recht – beklagen.
    Oder sag doch einfach noch was dazu.

  2. wolf-dieter sagt:

    Mir scheint es eher um die Ghettobildung zu gehen. Man möchte selbst auf dem Spielplatz unter sich bleiben. Der öffentliche Raum soll privatisiert werden, damit man ungestört von der Öffentlichkeit, seine Eitelkeiten zur Schau stellen kann.

  3. Helmut sagt:

    Waren sie denn nicht schon unter sich und ging es bei der Privatisierung nicht mehr um die Sauberkeit – bzw. um ein Level, das sie für sich als angemessen erachten?
    Mit den Eitelkeiten ist es so eine Sache – in welcher sozialen Gruppe gäbe es sie nicht? – Nur sind die Gegenstände vielleicht jeweils andere. Aber Eitelkeiten gehören vermutlich zum Menschsein; wer ohne ist, ist tot.

  4. wolf-dieter sagt:

    Wer ohne Eitelkeiten ist, werfe den ersten Stein, völlig richtig. Und diese Eitelkeiten trägt man auch in der Öffentlichkeit zur Schau, unabhängig davon, ob man sie über Geld, Muskelmasse oder sonst etwas definiert.

    Ja, sie waren unter sich, aber scheinbar reicht das nicht aus. Sauberkeit ist eine relative Sache und die Maßnahmen, die Uwe beschreibt, um diese zu gewährleisten, klingen schon nach kontrollierter Abschottung. Ein Spielplatz ist ein öffentlicher Raum, zuhause, hinterm Gartenzaun, kann sich jeder einsperren wie er will.
    Dass manche Spielplätze eher einem Hundeklo ähneln als einem Freizeitplatz für Kinder ist dabei unbestritten.

  5. uwe sagt:

    um rollenklischees ging es mir nicht primär.
    mir ging es vor allem um den willen zur ghettobildung, der sich in dem verhalten der gruppe für mich ausdrückte, und zwar an einem ort, der öffentlich ist und wo sich die sozialen gruppen mischen können. mir stieß das differenzgehabe, das statusgebaren, die abgrenzungslust auf und das wollte ich beschreiben. der dialog am ende war sozusagen eine zugabe, die mich auf den ghettogedanken brachte und der zudem, wie ich finde, den ökonomistischen geist sehr gut beschreibt, der in fast alle bereiche des sozialen lebens eindringt. und über allem:
    der spielplatz, den man eigentlich zum wohle des kindes aufsucht, wird von der gruppe ja ignoriert, sie bleiben bei und unter sich, auch an diesem ort, ohne ihn im interesse ihrer kinder – denn dazu ist er ja da – zu nutzen. diese selbstgenügsamkeit, in der sich ja auch eine gewisse form der teilnahmslosigkeit gegenüber einer anders gearteten umwelt ausdrückt, war mir aufgefallen. die kinder übrigens spielten auch für sich, blieben auch als gruppe zusammen, was ich allerdings nicht interpretieren wollte. mir ging es um die erwachsenen und wie sie um sich selbst kreisten und sich ihre jeweils vorherrschenden anschauungen wechselseitig bestätigten, anschauungen zumal, die mir sehr verbreitet zu sein scheinen. insofern könnte die szene auf dem spielplatz auch auf gesellschaftliche befindlichkeiten verweisen.

  6. Helmut sagt:

    Tja, das mag sich mit anderen Erfahrungen, wie wie alle sie machen, decken. – Möchten wir noch in der Gesellschaft leben in der wir leben? Finden wir das gut was passiert?
    Vorhin war ich vor dem Getränkemarkt, gleichzeitig mit mir kam ein älterer Mann zu dem Unterstand mit den Einkaufswagen – und begann zu fluchen: Das wäre ja das blödeste, was er je gesehen hätte. Das äußerte er merhfach. Dann rief er es seiner Frau zu, die in einiger Entfernung am Auto stand. Ich fragte was los sei. Er eröffnete mir, dass ein normaler Einkaufsagen – noch dazu mit Kindersitz – an die Wagen des Getränkemarkts gehängt war. -
    Ich ging wortlos mit einem Wagen weg.
    Als ich ihn etwas später nochmal hörte, triumphierte er seiner Frau zu, dass er ihn wieder angehängt hätte.
    Hornochse.
    Ein kleines, aktuelles Beispiel.
    Wie sagt Mr. Bach immer: Isch hätt da mal gern Probblehm. –
    Nein, ich finde es höchst umgemütlich.
    Aber da ist noch Luft – es kann auch noch richtig ätzend werden.

  7. uwe sagt:

    ja, weiter so!
    ethnographie des alltags.
    den aberwitz notieren, der einem (fast) täglich zustößt.
    dafür ist diese seite doch auch eingerichtet, oder?

  8. Helmut sagt:

    Gut:
    Bekam mein Vater gestern von seinem Besuch erzählt.
    Dessen ca. sechzehnjähriger Enkel hat sich mit Alkopops betrunken, er selbst ist Brauereibesitzer, ist nach Hause ins Bad und dort zum Fenster rausgefallen – sechs Meter tief, auf Betonboden. Kiefer zertrümmert, Hände und Füße gebrochen.

    Vorhin brachte ich für meinen Vater etwas in ein Sanitätsgeschäft zurück. Das wird protokolliert. Die Frau beugt sich mit einem besenstieldicken Kuli über das Blatt und meint: “Name?” Ich: “Seiner?” – Sie schreibt: Seiner. –

    Sah mein Vater im Fernsehen:
    Ein Mann verlor ein Auge und versicherte sich gegen Unfall, weil er Angst hatte, das zweite auch zu verlieren.
    Bei Arbeiten an seinem Haus fiel er von der Leiter und in die laufende Kreissäge. Er sägte sich einen Fuß und an beiden Händen zwei Finger ab. – Die Versicherung zahlt nicht, weil sie Absicht unterstellt.

  9. Helmut sagt:

    Eins noch:
    Heute eine Meldung in der Zeitung, dass ein Mann, der in dieser netten Gesellschaft mit ihrer kalten Politik verarmte, sich letzten Dezember auf einem Hochsitz im Solling zu Tode hungerte und das mit einem Tagebuch protokollierte, über etwa zwei Wochen. Er wurde erst jetzt von Jägern gefunden.

  10. wolf-dieter sagt:

    Man könnte diese Geschichten kaum besser erfinden.

  11. Helmut sagt:

    Nein, ich denke auch – vor allem könnten sie dann unglaubwürdig klingen, nach dem Motto: So ein unrealistischer Kram – wer soll das denn glauben?

  12. wolf-dieter sagt:

    Alexander Kluge hat einmal geschrieben: Die schärfste Ideologie, dass Realität sich auf ihren realistischen Charakter beruft.

  13. Helmut sagt:

    Ja, nicht schlecht, nicht schlecht, ist halt klug der Kluge.

    Kürzlich eine Zeitungsmeldung, dass ein Mann seine Frau in der Badewanne ertränkt hat, um ihr die Geldprobleme zu ersparen.

Leave a Reply

*