Apr 01 2008
Erinnerung
Mein Großvater sitzt in der Küche und schält einen Apfel. Die Schale besteht aus einem Stück, hauchdünn, wie eine Spirale sich windend auf dem Tisch, und die Apfelstückchen werden fein säuberlich geteilt und mir, dem staunenden Enkel von fünf Jahren, auf der Spitze des Taschenmessers offeriert. Eine unzählig oft wiederholte Zeremonie. Wie viele Kinder teilen diese Erinnerung mit mir? In wie vielen Kindheiten wird es einen solchen mit seinem Taschenmesser Äpfel aus dem eigenen Garten schälenden Opa geben? Für mich war es damals eine Szene voller Entspannung und in sich ruhenden, wortlosen Tätigkeiten, und noch heute will sie mir als die stille Einheit zweier in diesem Geschehen perfekt aufeinander bezogener Existenzen erscheinen. Vielleicht habe ich sie gerade deshalb nicht vergessen können.
Einen betaschenmesserten Großvater hatte ich auch (lang ists her), aber kann ich mich erinnern, dass er mir Stücke seines Schälens offeriert hätte? Nein. Er aß sie selbst. Und ich kannte nur einen Großvater.
Andererseits kenne ich das Gefühl des Apfelschälens, durchaus auch mit dem Aspekt des Teilens, aus eigenem Erleben, wenn auch in der Regel mit Küchenmesser – obwohl ich mehrere Taschenmesser besitze und und sie auch schätze. Aber sie werden allenfalls untgerwegs gebraucht, nicht in der Küche. Der Akt des Teilens, der Gabe beim Schälen ist aber wichtiger. Und, ja, es ist ein gutes Gefühl, auf beiden Seiten. Wie ja überhaupt die Gabe ein nicht uninteressantes, vielschichtiges Thema sein kann.
ich habe ein paar solcher opa-erinnerungen und immer geht es in ihnen um die langsamkeit und intensität eines mit ihm geteilten augenblicks. bei der apfelepisode liegt der schwerpunkt für mich auf dem zeremoniellen: es war wie ein ritual am abend und trotz der wiederholungen erlebte ich in jedem einzelnen fall eine individuelle begegnung: es war ein geben ohne gegenleistung, ein geschenk im emphatischen sinne, und dazu trat dann die kunstfertigkeit des schälens. mir gingen immer die augen über. schön war auch, daß dabei nicht oder nur weniges gesprochen wurde: ich mußte nur da sein und wurde beschenkt – ein altruistischer akt par excellence. und eine zeitinsel, und obgleich so oft wiederholt doch auch herausgehoben aus dem alltag. eine erinnerung, die ich mit glück identifiziere, nicht nur damals, sondern bis heute.
Auch mein Großvater hatte Taschenmesser, eins davon durfte ich auch haben, und habe es gleich verloren. Er benutzte es auch häufiger im Haus, wahrscheinlich aus Gewohnheit oder besser aus Vertrautheit. In der Nähe unseres Haus gab es eine Kaffeeküche einer ehemaligen Grube. Wir sind häufig dorthin gegangen – gewandert sagte man damals nicht – und immer wurde das Essen – große Wurststücke – mit dem Messer zerlegt. Früher hat er u.a. dort gearbeitet, und seine Mittagspause könnte mit einem ähnlichen Ritual stattgefunden haben.
Das Glück, die Gabe und das Schweigen, welch’ schöne Dreifaltigkeit.
Its too late now, aber es wäre natürlich schon interessant, mit welchen Gefühlen die Großväter diese Momente gesehen haben.
in der tat: es ist zu spät. mein opa ist mitte der 80er jahre gestorben. fraglich wäre, ob er die gefühle überhaupt versprachlichen hätte können und ob er diese zeremonien auch als etwas so besonderes empfunden hat. bezeichnend ist ja gerade, daß er in solchen und anderen augenblicken nicht gesprochen hat. ob mit bedacht, sei dahingestellt. wahrscheinlich war es für ihn zu einer gewohnheit geworden und die pure selbstverständlichkeit des gebens bzw. teilens. und vielleicht hat er dabei auch das zeitenthobene und die unverstellte menschlichkeit einer solchen tätigkeit empfunden. das bleibt freilich spekulation.
interessant war, wie sich diese erinnerung mir aufgedrängt hat, immer wieder, in unterschiedlichen lebensphasen, und sie mir so wichtig und für mich zu einem inbild des glücks wurde, daß ich sie aufschreiben und sogar hier im netz veröffentlichen wollte – u. a. auch, um zu erfahren, ob andere solche kindheitserinnerungen auch haben und wie sie diese beurteilen.