Mai 22 2008
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Die ersten beiden: gewaltige Bilder, vor allem das erste ist in den Farben sehr intensiv, und wie der Feuerball hinter den Wolken zu ahnen ist und oben und unten gewissermaßen von zwei dunklen Riegeln gerahmt wird, das hat eine sehr dramatische Wirkung. Man meint die Hitze zu spüren. Und es ist immer wieder erstaunlich, wie schön von der Sonne beschienene Wolkenformationen sind, sie muten mich wie amorphe Lichtmembranen an.
Der Baum ist kurios gewachsen und in meiner schmutzigen Phantasie bekommt das fast was Obszönes.
DAS ist für mich schon eine Art Faszinosum: Licht fotografieren, nicht Dinge.
Es it mit dem Tele aufgenommen – und ja, die Farben fand ich auch sehr intensiv – es wirkt viel heißer als es war.
Pfützsosophie und HansguckindieLuft – fast schon ein Buchtitel.
Bäume in obszöner Stellung: Auch ein Titel? (Tittel?)
Ja, das ist faszinierend: Licht zu fotografieren, es zu schaffen, dass es sichtbar, spürbar wird, Wirkungen erzielt, Spannung erzeugt, Stimmung herstellt. Aber warum der Gegensatz zu den Dingen? Warum ist es weniger faszinierend, Dinge zu fotografieren? Oder wolltest du das nicht gemeint haben?
Der mögliche Buchtitel gefällt mir – mit ihm hätten wir Himmel und Erde verbunden, was übrigens die Pfütze, wenn sie spiegelt, ohnehin tut: sie zeigt unten, was oben zu sehen ist.
Obszön war mein Vorstellungsbild, mitnichten der verwachsene Baum. Aber selten können wir es vermeiden, dass sich Assoziationen und innere Bilder vor das schieben, was wir sehen. Uns ihrer bewusst zu werden, ist schon eine Leistung. Es ist auch eine Qualität von Fotos, dass sie eine Reaktion provozieren und uns kurz innenhalten und danach fragen lassen, was wir eigentlich tun, wenn wir etwas sehen, betrachten, wahrnehmen.
Die ersten beiden Bilder finde ich klasse: Die Schichtung der Wolken, die Farben und wie die Sonne quasi in den Wolken brennt – die 5 Millionen Grad werden spürbar.
Pfützsosophie und HansguckindieLuft – sehr schön. Die “Beinstellung” hat mich nicht so angesprochen.
Ich wollte Licht nicht gegen Ding ausspielen.
Mir fiel nur bei mir auf, dass ich öfter Bilder mache, auf denen im Grunde nichts Besonderes zu sehen ist – einfach weil mich das Licht interessiert. – (Und ob es auf dem Foto auch zu sehen ist, nicht nur in natura) Ich finde es spannend, das Medium selbst sichtbar zu machen. Licht ist uns sehr selbstverständlich und freilich auch die Voraussetzung dafür, Dinge zu sehen, aber es selbst?!
Zu Wolf: Ich fand nur, dass die Wuchsform dieser Buche so aussah, dass sie unwillkürlich an ein anderes, nichtpflanzliches Lebewesen erinnerte. Und wie etwas starres, an den Ort gebundenes wie ein Baum aussieht, als würde er einen Schritt oder eine Bewegung machen.
Ich finde das Bild nicht schlecht, die Farben und der Kontrast sind nicht so leuchtend, deswegen hat mich das Bild nicht so angesprochen. Schön wiederrum ist der Kontrast dieses Erdenbildes mit den Himmelsbildern davor.
Das Baumbild könnte auch ein Märchen illustrieren, in dem die Bäume sich nachts von ihren Plätzen bewegen, ihre Verwurzelung aufgeben und einen irren Tanz aufführen. Der obige hätte dann nicht wieder in seine angestammte Postition zurückgefunden.
Auf diese Idee kam ich, als ich gestern folgende Stelle in einer Erzählung von Sherwood Anderson gelesen hatte:
“Es gab eine Phantasie, die sie ein wenig erschreckte, die aber auch herrlich war. Sie stellte sich vor, dass nachts, wenn sie zu Bett gegangen und eingeschlafen war, die Bäume aus dem Boden kamen und herumspazierten. Die Gräser unter den Bäumen, die Sträucher, die neben dem Zaun wuchsen – alle kamen aus dem Boden und liefen wie verrückt hierhin und dorthin. Sie tanzten wild.”
Eine Phantasie à la Lewis Carroll!
Überzeugt nicht, aber beschäftigen tut er mich momentan, da ich ihn lese, und nicht zu knapp. Daher die von ihm angeregte Notiz.
Aber auch ohne diese Literaturstelle könnte man bei solchen Verwachsungen auf Begriffe wie Phantasiewesen oder Grotesken kommen. Es gibt unzählige Beispiele in der Kunstgeschichte, wie aus Wurzelwerk oder Geästformen phantastische Wesen ‘konstruiert’ werden, die oftmals anthropomorphen Assoziationen entgegenkommen. Diesen künstlerischen Gestaltbildungen liegt jedoch weniger ein animistisches Verhältnis zur Erscheinungs- oder Dingwelt zugrunde als vielmehr die Lust am Abstrusen, Absurden, Regelwidrigen. Ist es nicht gerade das, was uns an Formen wie der oben gezeigten interessiert: die Abweichung und mit ihr der potentiell unendliche Spielraum der Deutung, der damit eröffnet wird.
Noch ein Gedanke: Kann es sein, dass Bäume, ob nun reale, abgelichtete oder gemalte, in uns auch etwas Kindheitsmäßiges anrühren, ein Gefühl in uns wecken, dass wir aus Kindheitstagen zu kennen glauben oder es in diese Frühzeit verorten?
Anderson scheint Dich ja überzeugt zu haben (wenns keine Sucht ist und wir Bedenken haben müssen).
Eine Phantasie à la Carroll – oder Hans Christian Andersen. – Jedenfalls eine Kinderphantasie. Ich erinnere mich an ein bebildertes Kinderbuch, in dem Weihnachtsbäume personifiziert auftraten und evtl. auch, ich bin nicht mehr sicher, teilmobil waren.
Jedenfalls eine animistische Idee. Keine unsympathische.
Der Baum – Symbol und Spiegel durch die Jahrtausende?!
Überzeugt nicht???
Animismus und anthropomorphe Assoziationen – so weit auseinander?!
Wo kommt denn die Lust am Abstrusen her?
Und ist das so regelwidrig? – ODer ist nicht vielmehr das anthropomorphe eine archetypähnliche Ur-Regel, die ganz früh und schnell und unwillkürlich auflkreuzt?!
Bäume und Kindheit?: Ist das nicht schon aus der Sozialisation rausgefallen?!!
Ich kann mich nicht erinnern, in der Kindheit Geschichten über Bäume gelesen zu haben, die auf Wanderschaft gingen. Vielleicht habe ich es auch vergessen. Aber die Vorstellung ist nett. Eine meiner Lieblingsfiguren aus der Herr-der Ringe Trilogie (die ich nur von den Filmen her kenne) ist der Ent Baumbart.
Ich stimme Helmut zu, das Animismus und anthropomorphe Assoziationen eng miteinander verbunden sind. Das Absurde als das Regelwidrige – wird damit nicht die Regel als Norm gerade bestätigt?
Aber man kann doch auch angesichts solcher Verwachsungen anthropomorphe Assoziationen haben, ohne gleich an eine Beseeltheit der Natur im Sinne eines Animismus zu glauben? Man stellt dann eher eine formale Ähnlichkeit als eine geistige Verwandtschaft fest. Das scheint mir legitim. Aber ich will hier keine Haare spalten. Eurem Einwand, dass eine Nähe zwischen Animismus und Anthropomorphismus besteht, will ich gerne beipflichten.
Und dass sich solche Assos meist unwillkürlich einstellen, kann ich auch bestätigen. Wahrscheinlich – Helmut deutet es an – ein Reflex aus Urzeiten: Wir versuchen uns in unserer Umwelt heimisch zu fühlen, indem wir sie uns ähnlich machen, ihr die Fremdheit nehmen. Interessant wäre, wie man sich davon lösen kann und wirklich einen anderen Blick auf die Natur gewinnt, einen, der sie in ihrer Gleichgültigkeit unseren Bedürfnissen gegenüber belässt. Oder sind wir immer befangen, gefangen in unserem menschlichen und vermenschlichenden Blick?
Lust am Abstrusen: vielleicht um den Sachzwängen und dem Regelzwang zeitweise zu entkommen, oder um den freien Lauf der eigenen Phantasie zu genießen, oder ein irrationalistischer, anarchischer Impuls, dem man nachgibt. Aber das Irreguläre kann auch bewusst aufgesucht und gewählt werden, als Gegenentwurf zum Bestehenden etwa … Es gibt sicherlich noch andere Beweggründe.
Ob dadurch die Norm nur bestätigt wird? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich denke, die Abweichung macht die Norm als eine willkürliche Setzung (im sozialen Bereich etwa) oder als ein Gesetz (in der Natur) bewusst. Sie schafft die Distanz, um sich gegenüber der Norm verhalten oder sie zum Gegenstand der Refexion machen zu können. Bezogen auf unser Baumbeispiel kann das heißen: Die Abweichung macht uns den Regelwuchs der anderen Bäume bewusst und lässt uns zugleich die Freiheit, die irregulären Verwachsungen zu interpretieren, sie mit möglichen Assoziationen zu belegen, die uns die normal gewachsenen Bäume nicht nahelegen. So in etwa würde ich mir das zusammenreimen. Es ist eine Bereicherung, und es ist lohnenswert, dem nachzugehen und das festzuhalten, was uns stutzen lässt.