Okt 06 2008
Nichts tun
Jeder von uns kennt die Frage: “Was hast Du gerade gemacht?” Und die Antwort heißt: “Nichts oder nichts Besonderes”.
Was tun wir, wenn wir nichts tun?
Okt 06 2008
Jeder von uns kennt die Frage: “Was hast Du gerade gemacht?” Und die Antwort heißt: “Nichts oder nichts Besonderes”.
Was tun wir, wenn wir nichts tun?
Zuerst frage ich mich, ob die Ausgangssituation, die Du nimmst, für die anschließende Frage günstig ist.
Wenn man auf diese Frage so antwortet, dann womöglich weil man nicht wirklich nichts tut, sondern weil man sich erst vergewissern müsste, weil man keine Auskunft darüber geben will (dafür gäbe es viele verschiedene Gründe), weil man aus Gedanken herausgerissen wird (durch die Frage), weil …
Können wir überhaupt nichts tun?
Natürlich nicht.
Es sei denn wir wären tot.
Dann tun wir nichts mehr, dann geschieht allenfalls noch was mit uns.
Wer lebt, tut irgend etwas; unweigerlich.
Die Frage wäre dann, warum reden wir von Nichtstun.
Oder?
Gute Replik, denn was ist gemeint:
Geht es um das Nichtstun, von dem wir selbst nichts wissen, weil es eigentlich nur vertrödelte Zeit ist, d.h. eine, die als Pause vom Tun, als Zäsur im nimmermüden Machen nicht wirklich erfahren wird? Ein solches Nichtstun vergeht unbemerkt, man erlebt es nicht, es gleicht einer Absence.
Oder soll es um das Nichtstun als Muße, als Frei-Zeit im weitesten Sinne gehen? Wahrscheinlich dachtest du an beides oder noch an anderes (zb fernöstliche Meditationslehren), nur trennen solten wir es, was ja auch Helmut anmerkte.
Zum Auftakt dieses Gedankenspiel:
Etwas tun heißt etwas machen. Tut man dies nicht, dann lässt man es sein. Dieses Seinlassen bedeutet aber nicht, dass man nichts tut, man tut nur etwas Bestimmtes nicht. Anders ausgedrückt: Selbst der, der scheinbar nichts tut, ist doch mit etwas beschäftigt. Er klingt sich aus dem Kreislauf seines alltäglichen Tuns aus, vielleicht um seine Bewusstseinsblende wieder für anderes zu öffnen oder um Zeit nur ungerührt verstreichen zu lassen, um auszuspannen oder um dem freien Spiel seiner Gedanken zuzuschauen. Egal, auch der, der nichts zu tun scheint, steht immer kurz davor, etwas anzufangen. Denn Nichtstun im vollsten Sinne des Wortes, da gebe ich Helmut recht, bedeutete Stillstand, Leerlauf, Tod. Sind wir also (aus welchen Gründen?) unfähig, nichts zu tun, brauchen aber die Fiktion vom Nichtstun, um leben zu können? Interessant ist also die Frage, was wir von unserem Tun sein lassen, wenn wir behaupten, nichts zu tun.
So viel für den Anfang.
Natürlich, nichts tun kann man nur dann, wenn man tot ist. So ganz genau wissen wir das natürlich nicht, weil niemand von uns bislang tot war, aber nehmen wir es mal an.
Wie Helmut richtig geschrieben hat, wer so antwortet, muss erst überlegen, was er getan hat, oder er will es nicht verraten. Selbstvergessenes Tun oder ein verheimlichtes Tun scheinen mir hier Dinge zu sein, die nicht auf ein Außen (Gemeinschaft) oder auf einen Zweck bezogen sind. Man tut sie um ihrer selbst willen. Mit dem Wort “Nichts” wird eine Grenze gezogen. Man möchte gar nicht, dass der Andere versteht, was man tut, sondern es soll seiner Beobachtung und seinem Urteil komplett entzogen werden. Damit ist es in meinen Augen eine Form von selbstbezogenem Tun – die sich komplett unterscheidet von der Selbstbezogenheit, die man im Trott erfährt. Im Trott erfährt man das eigene Tun als sinnlos, mit dem Wort Nichts wird der Verstehensanspruch der Umwelt, vielleicht auch der eigene, einfach abgewiesen. Das finde ich als Phänomen interessant.
Ist das eine Pause vom Tun, wie Uwe schreibt oder geht es um fernöstliche Meditationslehren? Das sind Formen, wie man so etwas beschreiben kann. Ich kann nicht sagen, wohin dieser Beitrag führen wird.
Das “Nichts” könnte auch für Faulheit stehen.
Die nämlich, sich nicht der Mühe unterziehen zu wollen, einen Formulierungsversuch des sich leicht Entziehenden zu machen.
Selbstbezogen – so könnte man sagen.
Wenn man Tagtraumnähe bescheinigen wollte, dann wäre es Antitrott, ja.
Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass unsere unzensierten Gedanken, ehrlich gesagt, für den Fall das man das könnte, dem Gegenüber sehr wenig angenehm wären – und wir sie deswegen verschweigen, um Problemen aus dem Weg zu gehen oder das Gegenüber nicht zu verletzen. Es kann also auch mit “Lüge” zu tun haben.
Faulheit, warum nicht auch das.
Die Nähe zum Tagtraum, auch schön.
‘Lüge’ ist mir ein zu starkes Wort an dieser Stelle. Auch wenn die verschwiegenen Gedanken dem Gegenüber wenig angenehm wären, muss man ständig alles kommunizieren? Nicht jeder spontane Einfall ist schon soweit entwickelt, dass man darüber sich gleich austauschen muss. Vielleicht blüht er nur einen Augenblick lang. Problemen aus dem Weg zu gehen, kann mit Verdrängung zu tun haben, ich glaube aber nicht, dass ich jeden halbgaren Gedanken gleich äußern sollte. Im Zustand des Nichtstuns ist noch nicht ausgemacht, ob sich der Einfall zum Gedanken entwickeln wird. Zum Thema “Verdrängung” fällt mir der Untertitel vom Blog “Dichtheit & Wahrung” ein: “Verdrängung ist, was uns über Wasser hält.”
Interessanter Gedanke, den W-D da äußert: das, was im Nichtstun aufscheint als das zu bestimmen, was noch nicht verfügbar ist, über das man selbst noch nicht verfügt oder von dem man nicht will, dass andere darüber verfügen, es gar verwerten oder in vorschnelles Verstehen überführen. Bleibt man bei seinem Beispiel, so ließe sich wirklich ein solcher Zustand sowohl als Selbstbezogenheit als auch als Selbstvergessenheit beschreiben: Man ist in solchen Momenten bei sich und will es bleiben, unverfügbar und unverführbar, oder man kommt sich abhanden, vergisst zeitweise, wer man ist, ruht sich gewissermaßen im Nirwana aus. Die erste Bedeutung war mir entgangen, finde sie aber sehr bedenkenswert; von der zweiten hatte ich geschrieben und sie mit der Absence verglichen.
Das Tagträumen verstehe ich als ein freies Schweifen von Gedanken, bei dem das Ich aber noch weitgehend, wenn auch in veränderter Form, anwesend ist. Mit dem Nichtstun gemein hat es das Loslassen-Können.
“Dichtheit und Wahrung” gefällt mir und ist auch kein schlechtes Motto.
Ich finde auch, dass es die gesündere Variante beschreibt.
Ständig alles von sich zu geben, was einem so durch den Kopf geht, das wäre doch ein ziemlich tödliches (oder wenigstens dämliches), jedenfalls aber unhöfliches Programm.
Dennoch könnte man sich fragen, welche Rolle das Unbefestigte, das erst noch durch die Filter gehen muss, für uns spielt.
Vielleicht spielt das Unbefestigte noch keine Rolle, sondern es sucht noch danach. Oder seine Rolle besteht gerade darin, unfertig zu sein. Ich glaube, manche Ideen ziehen durch uns wie Wolken am Himmel wandern. Es gibt einen Wind, der sie treibt, aber nicht unbedingt ein Ziel.
Dass Du näherungsweise poetisch werden kannst…!
…es zog so durch mich durch…
Weiter so, immer schön offen bleiben…
In diesem letzten Sinne wäre Nichtstun ein Unterwegssein.
Metaphorisch gesprochen ja, warum nicht – nettes Paradox.
So gesehen ist es auch eine Form der Kontaktnahme mit dem, was in uns ist, ohne dass wir es kennen, eine Art unangestrengten Aufmerkens, wie am Rande einer Müdigkeit, in der wir mit unseren Hirngespinsten spielen.
Je mehr ich versuche, solche Zustände zu umschreiben, desto klarer will es mir erscheinen, dass es sich dabei – vornehmlich – um schöne, angenehme Momente handelt, vielleicht auch um solche, in denen wir uns selbst gehören, gerade weil wir nicht mit vollem (Wach-)Bewusstsein dabei sind. Wieder ein Paradox oder doch eher eine Umschreibung meditativer Praxis?
Unangestrengtes Aufmerken, das ist eine schöne Beschreibung. Man kann es auch als eine Form von Meditation beschreiben.
Vielleicht ist Nichtstun auch eine Form des Wartens: Man gleitet im Idealfall zwischen den Zeiten und Identitäten und wartet gelassen auf das, was einem oder mit einem geschieht.
Nichtstun als eine Form des Wartens ist nicht schlecht. Man könnte es auch als eine Form von Aufmerksamkeit beschrieben, die nicht zielgerichtet ist.
Nicht zielgerichtete Aufmerksamkeit, ja ist das denn erlaubt? Geht das, ja gibts das noch?
Läuft das nicht der ganzen schönen neuen Welt zuwider?!
Ja, es läuft zuwider. Aber in dem wider ist mir schon zu viel Oppositionsgeist enthalten. Nichtstun muss sich nicht gegen was richten. Ich will es mal pointieren:
Sich das Recht und die Zeit nehmen, nutzlos zu sein, Nutzloses oder nichts zu tun. Nicht aber als Gegenentwurf zu den Nimmerüden, Tauglichen, Zielstrebigen, sondern eher ein sich selbst genügendes Untauglichsein. Verstünde man dies wieder als Flucht oder als Oase der Entlastung und des Energietankens, dann wäre man schon wieder auf das Gegenüber bezogen, auf das Ziel- und Zweckgerichtete. Man müsste versuchen es anders zu denken und zu erleben. Vielleicht müssen wir das auch wieder erst lernen, dieses Los- und Seinlassen und das Sich-Wohlfühlen in solchen Momenten der Schwebe, aus denen Anregungen, neue Kräfte resultieren können, aber nicht müssen. Was ich mir vorstellen könnte ist so was wie ein Eigenrecht auf nichtsnutzige Augenblicke, in denen wir – um mit W-D zu sprechen – nicht verfügbar sind, weder für uns selbst ganz noch für die anderen. Es gibt den schönen Titel einer Erzählung von Adelheid Duvanel: “Vom Recht, lebensuntauglich zu sein”. Vielleicht könnte es in Momenten des Nichtstuns auch darum gehen.
Eine Pointierung, wie ich schon betonte. Aber wir spielen hier ja mit Gedanken und Formulierungen, suchen mögliche Füllungen für Wort- oder Begriffshülsen.