Nov 07 2008
Wieder da 4
Was habe ich die letzten Monate gelesen? Nicht viel, aber ein Buch hat mich beeindruckt: Douwe Draaisma, Geist auf Abwegen (Frankfurt am Main 2008). Darin beschreibt der Autor Eponyme und die Geschichten der Namensträger, deren Eigenname zum Gattungsnamen wurde. Alzheimer, Parkinson, Korsakow – man hat eine mehr oder weniger ausgeprägte Vorstellung von diesen Krankheiten, aber es bleibt im Ungefähren. Was diesem Buch gelingt, ist das, was es im Titel verspricht. Es zeigt, wie der Geist abseits des Normalen, auf Nebenwegen wandelt, er wird dabei zu einem anderen Geist, ohne sich völlig zu verlieren. Die meisten Symptome waren häufig lange vor der Entdeckung der Krankheit bekannt, aber erst die richtige Einsatzstelle für das verstehende Bewusstsein musste gefunden werden, um diese Mikrokosmen aufzuschließen.
Was bei mir noch lange nachklingt, ist das sog. Bonnet-Syndrom. Wenn die Sehfähigkeit mit zunehmendem Alter abnimmt, treten bei manchen Leuten Halluzinationen auf, ohne dass eine akute psychiatrische Erkrankung vorliegt. Die Bilder, die sich dabei einstellen, können konkrete Situationen sein oder auch abstrakte Formen, Lichtspiele, ein surreales Miteinander der unterschiedlichsten Gegenstände. Die Bilder kommen häufig in der Dämmerung. Das Besondere daran ist, sie kommen bei geöffneten Augen, man erkennt sie zuweilen als Trugbilder, sie machen keine Angst und man kann sie durch das Schließen der Augen verjagen, so beschreibt es Draaisma. Faszinierend.
Du hättest gerne Trugbilder?
Ich eigentlich nicht.
So ganz klar wurde mir nicht worum es geht:
Der Autor erklärt die Krankheiten oder ihre Benennung?
Wird es physiologisch erklärt, wie das B-Syndrom funktioniert?
Ich habe vor Jahren mal um jede Lichtquelle, besonders in der Dämmerung, eine Aura gesehen – das hat mich doch ziemlich irritiert und gestört. –
Wie sich beim Nachforschen herausstellte, war es die Wirkung eines homöopathischen Mittels. Nach dem Absetzen waren auch die bunten Erscheinungen wieder weg.
Was genau interessiert Dich an der Sache?
Ohne jetzt auf das Buch einzugehen, mich beeindruckt, dass es unwillkürliche Bilder gibt, die keine Angst machen, die sich vertreiben lassen und die bei nachlassender Sehkraft einen neuen Mikrokosmos der Bilder eröffnen. Das ist natürliche eine Aussenperspektive, für Betroffene mag es anders aussehen, aber wenn die Bilder keine Angst machen…
Als Syndrom ist es häufiger zu finden, die meisten Betroffenen schweigen aus der Furcht heraus, dass man sie leicht für irre hält.
Das Buch hat einen einfachen Ansatz und eine komplexe Struktur. Draaisma betreibt Wissenschaftsgeschichte, er zeigt, wie sich bestimmte Krankheiten mit den Namen ausgezeichneter Ärzte verbunden haben. Dabei erhält der Leser sowohl einen Einblick in die Zeit, in der der Arzt gelebt hat als auch in die spezifische Struktur der Krankheit. Durch diese Rückbindung wird verständlich, dass die Krankheitssymptome keine objektive Fakten sind, sondern Momentaufnahmen, die an den jeweiligen Forschungsstand und die Zeitgeschichte rückgebunden sind.
Ein Beispiel: In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts machte man die sog. “Eis-Mütter” verantwortlich für das Auftreten von autistischen Störungen bei ihren Kindern. Mit dem Wandel des Frauenbildes veränderte sich die Beurteilung unabhängiger Frauen und das Verständnis für die Krankheit.
Zitat Draaisma, Geist auf Abwegen, S.325:
Ob ich gerne Trugbilder hätte? Eine gute Frage. Draaisma blickt in die Zukunft: Aufgrund des medizinischen Fortschrittes und weil wir uns gesünder ernähren, ggf. noch Sport treiben und i.d.R. körperlich weniger schwer arbeiten als unsere Vorfahren, werden die Chancen bei körperlicher Gesundheit älter zu werden, steigen. Das wird u.U. dazu führen, dass es zukünftig mehr Menschen mit Alzheimer, Parkinson und Co. geben wird. Nicht immer ist der Verlauf dieser Krankheiten tödlich bzw. kann der Endpunkt weiter hinausgeschoben werden.
Uwe beschreibt in seinem Herbsterlebnis, wie es draußen eindunkelt. Das war für mich der Anlass, die Idee des Eindunkelns aufzunehmen und auf das Älterwerden zu beziehen. Dunkel wird es auch im Kino, aber wenn die Sehkraft schwindet, bleiben nur noch Erinnerungen und innere Bilder. Ob die Bilder des Bonnet-Syndroms dann ein Trost sind, weiß ich nicht, aber von den anderen Krankheiten, die das Buch im Angebot hat, ist das …
Eindunkeln – für mich keine gute Vorstellung. (Schon jetzt nicht, was den November betrifft)
Aber: Wer kann es sich vorstellen, wie es wirklich ist – vermutlich kann man das nicht vorwegnehmen.
Ob dann aber die inneren Bilder – als Ersatz? – für die tatsächlich wahrgenommenen gut funktionieren?
Und wenn die Betroffenen aus Furcht schweigen, ist das doch auch schon ein Stück Isolation.
Ausserdem: Wie ist es, wenn es immer die gleichen Bilder sind?
Oder keine angenehmen?
Oder beides?
Vielleicht sollte sich die Umwelt und nicht die Betroffenen ändern, damit diese nicht länger aus Furcht schweigen müssen.
Wenn die Bilder sich wiederholen und nicht angenehm sind, ist ihr Auftauchen kein Genuss. Wenn sie sich aber durch das bloße Schließen der Augen vertreiben lassen, sind sie aber auch keine traumatischen Bilder. Und wenn der Betroffene selbst eine Ahnung davon hat, dass sie nicht real sind, vielleicht lässt sich diese Lücke produktiv nutzen.
Man kann es nicht vorwegnehmen und man kann sich auch nicht in die Situation eines Betroffenen hineindenken, insofern ist die ganze Überlegung hypothetischer Natur. Es geht auch nicht so sehr darum zu spekulieren, was wäre wenn. Interessant finde ich die Bildkonstruktion, etwa im Unterschied zu (Tag-)Träumen, Phantasien und alptraumhaften Bildern.
Zum ersten Absatz: Zweifellos richtig; sollten.
Zum zweiten: Wenn man die Bilder wegwischen kann durch Augenschließen (wie soll man sich das vorstellen?), sind sie damit ja noch nicht automatisch auch aus dem Bewusstsein gestrichen. Sie könnten einem nachgehen.
Bildkonstruktion ist in dem Zusammenhang ja ein vielleicht etwas zu technischer Begriff?!
Zum Ersten, zum Zweiten, alles richtig, ich stimme zu. Bildkonstruktion ist an dieser Stelle ein technischer Begriff, darin schwingt eine Distanzierung mit, ich kann mich nicht in die Rolle eines Betroffenen hineindenken oder nachvollziehen was es heißt, an dieser Krankheit zu leiden. Mein ggf. etwas abstraktes Interesse gilt dem Bildphänomen als solchem. Bilder auf der Grenze zwischen dem Wahrnehmbaren, dem Eingebildeten und dem Phantasierten.